Begegnungen

Was vor zwei Tagen geschah:

Es klingelt an der Tür. Schleppend stehe ich vom Sofa auf und schaue nach, wer dort ist. Untypisch, dass jemand bei uns zur bei uns Mittagszeit klingelt.

Eine junge Frau steht dort. Sie geht einen Schritt rückwärts als ich die Tür öffne. Dick eingepackt ist sie. Trägt eine warme Filzmütze und löchrige Handschuhe. Einen dicken Wintermantel. Sie hält sich an ihrer Mappe fest, die sie in den Händen hält. Als würde ihr diese Mappe Schutz spenden.

Ich erkenne ihr gutmütiges Gesicht wieder. Ihr zartes, zerbrechliches und dennoch sicheres Lächeln. Letztes Jahr, um dieselbe Zeit, klingelte sie schon einmal bei uns.

„Hallo. Ich komme vom Zirkus. Wir stehen hier gerade in der Nähe im Winterquartier und ich sammle Spenden für Tierfutter.“, sagt sie sanft und unsicher. Dabei blickt sie mir tief in die Augen. Nicht unangenehm. Einnehmend. Wohlig hüllend.

Ich frage nicht nach Details. Lächle. Gehe kurz in die Küche und hole 5€.

„Bitteschön. Einen schönen Tag ihnen noch!“. „Danke. Vielen Dank!“, flüstert sie. Ihre Worte klingen erleichtert. Lachfältchen bilden sich um ihre Augen. Sie blickt mich lange an. Sehr lange. Mit ununterbrochenem Augenkontakt. Es ist diese Dauer eines Augenkontakts, die schnell unangenehm werden kann. Mit ihr ist es nicht so. Angenehm ist es. Beruhigend. Es fühlt sich fast so an, als würde sie mir nun im Gegenzug ein wenig Zeit und Ruhe schenken. Zeit um in die Tiefe anderer Augen abzutauchen, ohne dass mich dabei etwas ablenkt. Zeit für mich.

Dabei geht sie einen Schritt zurück um ihren weiteren Weg zu beginnen.


Gestern hörte ich meine Nachbarn miteinander sprechen.

„War die Zirkusfrau auch bei euch? Hier ist doch gar kein Zirkus momentan, oder? Ich habe der nix gegeben. Die brauchen bei mir nicht betteln kommen. Die kommt bestimmt gar nicht vom Zirkus.“


Tatsächlich sagte kurz eine Stimme in mir: „Schau, wie gutgläubig du wieder warst! Naivchen.“

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Zum Glück wurde die Stimme schnell übertönt von einer anderen Stimme, die der Ersten spöttisch entgegnete:

„Und? Was interessiert es dich denn, woher sie kommt? Hattest du nicht eine gute Begegnung? War die Begegnung nicht so intensiv, dass du dir danach sogar endlich mal wieder Zeit zum Schreiben genommen hast? Hast du nicht endlich mal wieder über den Wert und die Auswirkungen von menschlichen Begegnungen nachgedacht? Über die feinen, kaum in Worte zu fassenden emotionalen Berührungen. Fühlst du dich jetzt ernsthaft um 5Euro ärmer?“

Oh. Wie ich sie liebe. DIESE Stimme in mir.

 

 


5 Gedanken zu “Begegnungen

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