Vergiss nie…

Ich habe keine Ahnung, wo du gerade bist und was du gerade tust. Wie dein Leben gerade aussieht und in welchen beruflichen Verhältnissen du dich gerade befindest. Vermutlich denkst du gerade über dich und deine Rolle als Ärztin nach. Sonst hättest du diesen Text nicht zur Hand genommen. 

Warum ich dir, meinem Ärztin-Ich, schreibe? Lass mich kurz ausholen:

Du bist jetzt gerade Studentin im 4. Semester und mitten im Wandel von der Patientin zur Ärztin. Du bekommst Einblicke in den „Backstagebereich“ der Medizin. Erlebst diesen Einblick aber gerade noch als „Fan“ und nicht als Teil der Band, die im Backstagebereich Zuhause ist. 

Weißt du, diese Zeit ist sehr lehrreich. Und ich möchte für dich festhalten, wie die Medizinwelt gerade für mich aussieht und was ich mir von dir, meiner zukünftigen Rolle, wünsche. Weil ich um die Gefahr weiß, dass man sehr schnell vergisst, wie es „auf der anderen Seite“ aussah. Weil unser Gesundheitssystem (mit all seinen Vorteilen) zugleich die Gefahr birgt, dass du plötzlich wieder die ökonomische Brille trägst. Oder das du im Stress des Alltags vergisst, welche deine eigentliche Aufgabe ist.   

Heute denke ich, dass die größte Aufgabe von Ärzten ist – niemals zu vergessen, wie es auf der anderen Seite ist. Als Patient. Deshalb möchte ich dir ein paar Punkte zusammenfassen, an die du dich erinnern solltest:

Vergiss nie…, dass der Arztberuf ein unglaublich kreativer Beruf ist. Viele Menschen werden versucht haben dir einzureden, dass Mediziner nicht kreativ sein müssen. Dass sie einzig und allein auswendig lernen können müssen, um ihren Beruf ausüben zu dürfen. Vermutlich ist das so. Aber das macht sie nicht zu guten Ärzten. JedeR Patient dem du begegnen wirst, benötigt eine andere Facette von dir, ein anderes Behandlungskonzept. Du musst Verwandlungskünstler bleiben. 

Vergiss nie…, die Augen der Menschen, die du in ihren intimsten Bereichen, in ihren verletzlichsten Momenten gewaschen hast. 

Vergiss nie…, für einige Zeit im Raum zu bleiben, wenn jemand verstorben ist. Fühle. Bleib. Das werden deine lehrreichsten Momente sein. Bevor du den Raum verlässt, schließe deine Augen und atme tief ein. Gehe erst dann weiter. 

Vergiss nie…, dass die Menschen die nun zu ihrem verstorbenen Angehörigen kommen, einen Teil ihrer Welt verloren haben. Lass den Tod niemals „normal“ werden. 

Vergiss nie…, dass der Tod für dich immer schwer bleiben darf. Du musst dich nicht daran „gewöhnen“. Damit belügst du dich nur selbst. 

Vergiss nie…, dass Behandlungskonzepte immer nur Richtlinien sind. Niemals auf jeden Patienten gleich anwendbar sein können. 

Vergiss nie…, dass du nur helfen kannst, wenn du für dich selbst ausreichend da bist. Du wirst niemandem nachhaltig helfen können, wenn du dir nicht selbst hilfst. 

Vergiss nie…, dass du nicht allen Menschen helfen können musst. Es wird Patienten geben, zu denen du einfach keinen „Draht“ bekommst. Solltest du gerade selbstständig sein, dann sei so fair, den Patienten an einen Kollegen zu überweisen. 

Vergiss nie…, dass Doktor- und Professorentitel nichts über einen Menschen aussagen. Geschweige denn über ihr Wissen. 

Vergiss nie…, dass du emotional nicht abstumpfen musst, um in der Medizin bestehen zu können. Bleib weich. Bleib emotional. Heul wenn dir danach ist. 

Vergiss nie…, dass du auch als frisch gebackene Mama, mit dem Maikind in der Notaufnahme sahst, weil sie 39,5Grad Fieber hatte. Eltern kommen nicht um unnötig Arbeit zu machen, sondern weil sie besorgt sind. 

 
Vergiss nie…, dass Gesundheit ein sehr relativer, weicher Begriff ist. Für jeden bedeutet Gesundheit etwas anderes. 

Vergiss nie…, dass Menschen in ihren verletzlichsten Momenten zu dir kommen. Momente, in denen jedes deiner Worte wie eine Bombe wirken kann. Allerdings auch wie ein Wunderheilmittel. 

Vergiss nie…, dass der größte Feind der Medizin die Ökonomie ist. Sie müssen vereint werden, ohne Frage. Aber du bist jetzt Ärztin. Und keine Betriebswirtin mehr. 

Vergiss nie…, dass unnötige Untersuchungen, unnötige Vorsorgen zwar wirtschaftlich interessant sein können, (erst recht, wenn sie dem Patienten körperlich nicht schaden), dabei aber eine große Gefahr bergen – sie wiegen den Patienten in einer vorgegaukelten Sicherheit, dass wir das Leben „im Griff“ haben. Hilf den Menschen vielmehr anzunehmen, dass wir das Leben niemals im Griff haben werden, können und müssen. 

Vergiss nie…, dass du manchmal fühlen statt denken musst. 

Vergiss nie…, zu hinterfragen. Dich zu verändern. Innezuhalten um zu schreiben. 

Es mag sein, dass du mich gerade in den Arm nehmen möchtest, mir sanft über den Kopf streicheln möchtest und kaum glauben kannst, wie naiv du mal warst. 

Vielleicht bringen dich aber auch die einen oder anderen Punkte gerade ans denken. Das wünsche ich mir für dich. 


6 Gedanken zu “Vergiss nie…

  1. Du Herzensmensch! Ich hoffe, Du kannst Dir so viel davon bewahren wie es nur geht. Weich bleiben, aber sich um sich kümmern. Eine große Aufgabe, neben all den anderen. Ich glaube aber fest an Dich. Du wirst eine tolle Ärztin.
    Liebe Grüße
    Julia

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, liebe Julia. Einfach wird das nicht. Aber ich werde alles versuchen, um meinem „Arzt-Idealbild“ nahe zu kommen 😉
      Hoffe, wir sehen uns ganz bald mal wieder. Denke immer noch oft an unserer erstes Treffen.
      Liebe Grüße!

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