Von Türen und Lernprozessen

Im Rahmen meines Studiums muss ich eine gewissen Anzahl an Vorlesungen besuchen, die nichts mit meinem eigentlichen Studium zu tun haben. Studium fundamentale nennt sich das Ganze. 

Ziel ist es, dass die Studenten nicht zu Fachidioten werden, sondern sich selbst in verschiedenen Dimensionen weiterentwickeln können. 

In diesem Semester besuche ich, unter anderem, den Kurs „Deutsch Lehren lernen“. Hier begleitet uns eine Dozentin, die eine spürbar große Liebe zur Sprache hat. In der ersten Sitzung sprach sie uns auf Russisch an. Forderte uns scheinbar energisch auf, ihr zu antworten. Sie erhöhte den Druck auf uns. Wollte offensichtlich eine dringende Antwort auf eine Frage, die wir nicht verstanden. 

„Wie habt ihr euch gefühlt?“ – waren ihre ersten deutschen Worte der Vorlesung.

Im Laufe der Vorlesung ging es viel um das Thema lernen. Neu starten. Wieder zum Schüler zu werden. Am Ende dieser Vorlesung wollten Worte aus mir heraus. Denn ich spürte, eine starke Parallele zwischen meinen Kindern und mir. Fühlt sich das Erlernen neuer Dinge für Kinder wohl soviel anders an, als für Erwachsene. Kaum. Denke ich. 

Wenn wir also in Ansätzen nachspüren können, wie es ist, „Anfänger“ in einigen Dingen zu sein, vielleicht würden viele von uns im Alltag anders mit ihren Kindern umgehen. 

Wie fühlt es sich für unsere Kinder wohl an, geboren zu werden? 

Wie fühlt es sich an, jeden Tag neue Dinge zu lernen? 

Wie fühlt es sich an, in den Kindergarten zu kommen, in die Schule?

Wie fühlt es sich an in ein Land zu kommen, ohne die Sprache der dort lebenden Menschen zu sprechen? 

Wie fühlt es sich an, aus gewohnten Strukturen auszubrechen?

Ein Gedankenexperiment.

—–

Türen 

Nun stehe ich also vor ihr. Freiwillig. Keine Stimme die mir leise ins Ohr flüsterte „Geh!“. Keine Stimme, die vor lauter unterschwelligem Nachdruck heiser brummt: „Das musst du jetzt machen!“.

Nein. Hier stehe ich vor dieser verspielten, singenden, bunten, mit schwungvollen Ornamenten überhäuften Holztür. Vor dieser Tür, die den schönsten Knauf besitzt, den ich jemals sah. Rankenden Blumen, die in der Mitte einen kleinen, unbewachsenen Kreis formen. Einen Ball? Einen runden Teich? Ein Kissen? Was auch immer es sein soll. Es zieht meine unsichere Hand zu sich. Doch meine Hand traut sich noch nicht, zu greifen. Immer wieder ziehe ich meine Hand zurück. Leg den Kopf in den Nacken und atme tief ein. Und aus. Ein. Und aus. 

Wie lang stehe ich schon hier? Wie lange schon, traue ich mich nicht, sie zu öffnen. Diese geheimnisvolle Tür. Eine Stunde? Einen Tag? Zweieinhalb Jahre? Ich weiß es nicht. Wann immer ich vor dieser Tür stehe, wird die Zeit irrelevant. So nichtig, wie eine kleine weiße Wolke, am sonst tiefblauen Sommerhimmel. 

Der Anblick ist so schön, dass was auch immer hinter dieser einladenden Tür zu sein vermag, gar nicht viel schöner sein könnte. Vielleicht doch. Vielleicht aber auch nicht. 

Ich blicke unsicher hinter mich und betrachte den Weg den ich bis hier her ging. Zurück zu gehen ist keine Option. Geradeaus zurück, nur um den unbewachsenen, ebenen Weg weiter zu gehen, der nichts als einzusehende, kleine Kurven mit sich bringt. 
Nein. Ich suche Berge, Seen, Blumen. Suche lachende, freundliche, lebendige Menschen. Möchten tanzen, singen, lachen, weinen, schreien, hilflos sein, mächtig sein, klein sein und ganz groß sein. Möchte anders sein. Anders werden. Anders machen. Anders leben.

Deshalb kam ich her. 

So lege ich meine Hand auf den schönen Knauf. Warm ist er. Metallig. Kalt zugleich. Ich drehe ihn. Bestimmt. Die Zeit ist da. 

In Intervallen quietschend öffnet sich die Tür. Ich muss keinen Schritt gehen. Irgendetwas zieht mich an. Es macht mir keine Angst. Auch wenn ich nicht sehen kann, was kommen wird. Schwarz. Dunkel. Still. Ich gehe mit und lasse geschehen.

Die Tür fällt ins Schloss. 
Ich habe es mir hier ganz anders vorgestellt. Ich fühle mich kurz unwohl und klein. Unsicher. Sehe nichts und höre nichts. Allein. 
Doch – fragt mich nicht warum. Ich habe keine Angst. Ich bin zu neugierig. Irgendwas wartet hier auf mich. Eine so einzigartige Tür, kann nicht die Schwelle zu einer unbelebten, angsteinflößenden Welt sein. 

Hin und wieder sehe ich Schatten um mich huschen. Ich höre Geräusche. Unklare Töne, unbekannter Natur. Der Boden ist angenehm. Anders, aber angenehm. Ich bin barfuß, obwohl ich meine roten Lederschuhe nicht selbst ausgezogen habe. Sind es Steine, feiner Kies? Oder Moos. Vielleicht Gras. Möglicherweise feuchte, nasse Steine. 

Eine Mischung aus allem unter meinen Füßen? Meine Füße, die sich manchmal nicht trauen, den Untergrund mit voller Kraft anzunehmen. 

Das Gehen fällt mir schwer. Meine Beine sind kraftlos, zittrig. Immer wieder muss ich mich setzen. Es ist so furchtbar anstrengend, auf diesem Untergrund zu gehen. Furchtbar anstrengend, die Gestalten um mich herum zu fokussieren. Furchtbar anstrengend, die neuen Geräusche durch meine Ohren in meinen Kopf zu lassen. 

Ich lege mich kurz hin. Eine Decke legt sich über mich. Ich bin klein. Unbekannt. Aber willkommen. Das spüre ich. Hier ist meine neue Welt, mein neues Zuhause. Das gibt mir Mut. 

Die Zeit zieht ins Land. Mal vergeht sie zäh wie Kaugummi, mal fliegt sie im Takt des Flügelschlags eines Kolibris. 

Ich weiß nicht, wer mich hier so warm hält. Wer sich hier so viel Mühe gibt, mir das Sprechen und Sehen beizubringen. Aber es ist gut. Ich darf vor Verzweiflung schreien und werde in den Arm genommen. Ich darf erleichtert von Erfolgen in Freudentränen ausbrechen und jemand nimmt mich in den Arm und weint vor Freude mit mir mit. Spricht mit mir. Immer wieder. In Worten, die mein Kopf noch nicht immer versteht, die aber in jedem Fall mein Herz wärmen. Obwohl ich nach wie vor Fragezeichen in den Augen trage.

 

Es wird langsam heller. Jeden Tag ein wenig mehr. Ich sehe klarer. Manchmal kann mein Mund Worte Formen, die hier verstanden werden. Doch allzu oft stehe ich immer noch einfach nur da, und kein Wort kommt. Alles neu. 

Ich versuche geduldig zu sein. Erst wenn ich die Sprache hier verstehe, werde ich mich ausdrücken können. Nicht anders herum. Ich muss Geduld haben.  

Solange ich mich nicht mitteilen kann, muss ich eben bei mir bleiben. In mir bleiben und spüren, was die Stille mit mir macht. Sie macht mich neu. Erschüttert mich. Zersplittert mich. Baut mich dann wieder zusammen. Neu. Anders. Mehr. 

Es braucht nur Zeit. Was auch immer das ist. Diese Zeit. Nicht mehr als ein Wort. Nicht?

Wie lang bin ich nun hier? Eine Stunde? Einen Tag? Zweieinhalb Jahre? Die Zeit scheint hier irrelevant zu sein. So nichtig, wie eine kleine weiße Wolke, am sonst tiefblauen Sommerhimmel. 

Mein Kopf fängt an, in den Strukturen dieser neuen Welt hier zu denken. Immer mehr. Es tut so gut. Anzukommen, besser zu werden. Mehr zu werden. Vielschichtiger. Neu zu werden.

Ich bin neu. Und doch alt. Ich kenne noch die Welt, durch die ich Schritt, bevor mich die Kraft hinter der Tür zu sich nahm. 

Jederzeit habe ich die Wahl zurück zu geben. Es zieht mich nichts dorthin. Es zieht mich nach vorn. Ich erblicke hin und wieder weitere Türen. Wunderschön und geheimnisvoll zugleich. Irgendwann wird die Zeit kommen, sie zu öffnen. Doch zuerst möchte ich mich hier besser zurecht finden. 

Es tut so gut. Ich werde lebendiger. Freier. Kann mein Inneres wieder nach Außen bringen und werde verstanden. Verstehe. 

Meine Scherben formen sich zu einem wunderschönen, lebendigen, zart schimmernden Mosaik. 


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