Was ist schon normal? Ein Brief an dich.

Mein lieber Schatz,

ich sehe, dass es dir momentan nicht gut geht. Schon seit längerer Zeit haderst du mit jeder einzelnen Trennung von mir. Der Weg in den Kindergarten, der Weg zu deinen Freunden, sogar der Weg zu deiner abermals geliebten Tanzgruppe ist eine Herausforderung für dich geworden. Du bist hin und her gerissen. Auf der einen Seite willst du gehen. Du möchtest tanzen, du möchtest spielen. Ganz ohne mich an deiner Hand. Wie das bei Kindern in deinem Alter eben so ist.

Doch auf der anderen Seite, halten deine Sorgen dich bei mir. Deine Sorge, dass jede Trennung von uns, insbesondere von mir, die letzte sein könnte. „Das ist doch nicht mehr normal!“, sagte jemand zu mir. Und ja. Auch ich habe genau das manchmal gedacht.

Was ist normal?

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Was ist schon normal, wenn man als 5-jährige erfahren musste, dass Menschen sterben. Das sie schwer krank werden können. Das danach viele Tränen fließen. Und sich viele Dinge ändern. Manche sogar sehr grundlegend. Was ist schon normal, wenn man als Kind sieht, dass auch Papa und Mama mal nicht mehr wissen, wie es weitergehen wird. Was ist schon normal wenn man als Kind realisiert, dass auch Eltern sterben können.

„Mama. Wie alt wirst du denn?“, „Wenn ich tot bin, fressen mich dann Würmer auf?“, „Kann ich dann mit den Schmetterlingen fliegen?“, „Stirbst erst du oder erst ich?“.

Ach, mein Schatz. Wie gerne würde ich dir diese Fragen beantworten können. So beantworten, dass ich dir all deine Gedanken, deine Sorgen nehmen könnte.

Doch das kann ich nicht. Ich weiß die Antworten doch selber nicht.

Mir zerreißt es das Herz. Ich kann mich nicht immer frei von den Gedanken machen, dass wir etwas im Umgang mit dem Thema falsch gemacht haben. Haben wir dich zu viel eingebunden? Zu wenig. Ich weiß es nicht.

Zum Glück, kommen diese Selbstvorwürfe nur selten vorbei. Meistens sind wir sicher, dass wir das alles sogar sehr gut gemacht haben. Als Eltern. Wir haben mit dir und deiner Schwester gesprochen. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Wir haben euch teilhaben lassen. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Wir haben unsere Kraft gesammelt, auch wenn wir mal keine mehr hatten. Wir haben das getan, was aus unserer Sicht das Beste war.

Vielleicht hättest du etwas anderes gebraucht. Aber das zählt jetzt nicht mehr. Wir können es nicht ändern. Was wir aber können, ist gemeinsam nach vorne zu schauen.

Wir nehmen dich in den Arm.

Wir sprechen über deine Sorgen.

Wir unterstützen dich, so dass jede Trennung zu einem guten Erlebnis für dich wird.

Wir meditieren jeden Abend. So das du ohne Bauchweh und Sorgen einschlafen kannst.

Wir sammeln unsere Kraft, um deine Tränen zu trocknen.

Wir zeigen dir, dass die Kraft in uns steckt, diese Aufgaben des Lebens anzunehmen.

Wir zeigen dir, das du stark genug bist.

Wir schaffen das. Ich weiß das.

Weißt du, wir sind auf einem guten Weg. Noch vor einigen Wochen war ich ratlos. So ratlos wie niemals zuvor. Ich hielt dich zuhause. Das war doch dein großer Wunsch. Bis ich merkte, dass eine Grenze überschritten war. Eine Grenze die du nicht mehr überschreiten konntest. Eine Trennung von mir. Jede Trennung von mir wurde zu einem schmerzlichen Erlebnis. Zu schmerzlich.

Ich saß weinend im Kindergarten und holte mir rat. Sprach mit meinen liebsten Menschen.

Und ja, wir waren schon so weit uns Hilfe zu holen. Warum nicht!? Ein komisches Gefühl war es dennoch. „Unser Kind muss zum Kinderpsychologen. Wie konnten wir als Eltern nur so versagen…!“

Wir haben nicht versagt. Das weiß ich doch. Nur… Ach.

In der letzten Woche und in den letzten Tagen hast du große Fortschritte gemacht. Sehr, sehr große. Momentan bin ich zuversichtlich, dass wir das gemeinsam schaffen. Ohne psychologische Unterstützung.

Lächelnd nach vorne blicken. Aufrecht. Mit erhobenem Kopf und stolzem Näschen.

Du hast so viel Kraft in dir! Eine Kraft, die du gerade entdeckst. Eine Quelle aus der du beginnst zu schöpfen. Es ist wundervoll, dich wachsen zu sehen.

Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. Marie von Ebner-Eschenbach

Wir lieben dich, Schatz! Immer. Wir werden niemals getrennt sein. Nur physisch. Nie im Herzen.

Mama und Papa ❤

 


12 Gedanken zu “Was ist schon normal? Ein Brief an dich.

  1. Danke! Ich liege hier gerade im Bett mit meiner Tochter im Arm und weine eine erleichterte Runde.
    Deine Worte sind sehr berührend und ich kann vielleicht ein bisschen mitfühlen wie es euch damit geht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Für unsere Tochter, sie ist jetzt vier, ist Trennung auch seit längerer Zeit ein Thema. Und es gibt Tage da zerreißt es mir das Herz und ich glaube, wir Eltern haben viel falsch gemacht. An anderen Tagen fällt es mir leichter, damit umzugehen und auch, darauf einzugehen.
    Es tat gut, von euch zu lesen. Viel Kraft und Liebe für euch!

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  2. So tolle Worte zu einem ach so unbequemen Thema wie Kinder und die Angst vor Trennung! Die Nähe und das Verständnis der Eltern sind wohl die nützlichsten emotionalen Stützen für jedes Kind. Unbekannterweise weiterhin gute Fortschritte. Viele Grüsse! Claudia

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