Nach Stress kommt Angst

Der Kopfschmerz hat mich seit Tagen in seinen Händen. Seine ungeschnittenen Fingernägel umfassen scharf meine linke Kopfseite. Von hinten hochstreichend, greift er auf Ohrhöhe tief in meinen Kopf. Kalt sind sie. Seine Hände. Kalt, manchmal gnadenlos fest, manchmal hämisch sacht.

Seine andere Hand liegt fest zwischen meinen Schulterblätter und sorgt dafür, dass keine Entspannung aufkommen kann. Keine Minute am Tag. Jede Bewegung zieht. Jede Bewegung brennt.

Ich weiß, was der Schmerz mir damit sagen möchte. Und doch höre ich mal wieder nicht auf ihn. Wie schon so oft in meinem Leben. Seit Beginn des Jahres laufe ich auf Hochtouren. Jeden Tag 110%. Für alle da sein. Sich um alles kümmern. Jeden Tag 110%. Jeden. Tag. Dafür braucht man keine besonderen mathematischen Kenntnisse um zu erkennen, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann.

Greift der Schmerz ganz fest zu, greife ich zur Tablette. „Ha!“ denke ich mir zickig, „mich hast du nicht im Griff.“ Wissend, dass der Schmerz gleich Ruhe geben wird. Vorerst. Das Wasser läuft durch meinen Hals und führt die Tablette zu ihrer Bühne. Gleichzeit schreit in mir eine andere, viel lautere Stimme: „Du weißt ganz genau, wohin das führen wird! Höre dem Schmerz doch endlich zu, bevor es wieder mal zu spät ist. Wie kann man nur so trotzig sein. So blind. So dumm.“

„Geh Du vor“, sagte die Seele zum Körper, „auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf Dich.“
„Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben“,
sagte der Körper zur Seele. Ulrich Schaffer

33 Jahre habe ich dafür gebraucht, um meinen Körper bestens kennen zu lernen. Ich kenne meine ersten Stresssymptome. Leider kenne ich auch die Konsequenzen nicht erhöhrter Stresssymptome nur zu gut.

Nun ist es mal wieder so weit. Zu lange habe ich meinen Stress nicht ernst genommen. Habe gedacht: „Ach, einmal in die Sauna gehen, in Ruhe ein Buch lesen. Dann wird das schon wieder.“ Pustekuchen. Irgendwann ist eine Grenze überschritten, an der das nicht mehr genügt. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem man Schräubchen im Alltag drehen muss, um die latente Überbelastung herunterzudrehen. Nur welche? Das ist oft die Herausforderung.

Ich habe nicht auf meine Seele gehört. Jetzt schreit der Körper. Und zwar so laut und mächtig, dass ich dagegen verdammt klein und machtlos bin.

Quelle: Pixabay
Quelle: Pixabay

Nachts. Wenn es draußen ruhig wird. Wenn ich zur Ruhe kommen möchte schüttelt sie mich wach. Die Angst. Panikattacken die meinen Körper hinaufkriechen wie Ungeziefer. Es beginnt im Kopf zu rauschen, zu schmerzen. Die Beine und Arme kribbeln. Das Herz beginnt zu rasen. Ich schwitze. Ich wische mir die kleinen Perlen von der Stirn und muss mich bewegen. Laufen. Durch die Wohnung auf und ab. Ab und auf. Die Angst ist da und hat mich im Griff. Sie dirigiert meinen Körper. Schreiend: „Siehst du. Du bist selbst Schuld. Du willst dich tagsüber nicht ausruhen. Dann brauchst du es nachts wohl auch nicht. Du wolltest ja nicht hören. Also musst du nun spüren.“

Oh ja. Ich spüre. Nur zu gut. Meine Kehle wird enger. Ich bekomme Angst zu kollabieren. Durchdenken Szenarien, wann ich meinen Liebsten wecken muss, damit er rechtzeitig einen Notarzt rufen könnte. Und dabei weiß ich es doch. Ich weiß es. Es ist die Angst. Nur Angst. Ich nehme mir eine Decke und setze mich auf die Couch. Manchmal kann ich mich setzen. Für ein paar Minuten. Dann zittre ich. Am ganzen Körper. Sitze da und zittre. Eingewickelt in meiner Decke.

Ich habe gelernt. Die Angst lässt mich nicht mehr so oft panisch werden. Ich lasse sie da sein. Auch wenn sie ein emotional unfassbar scharfes Messer ist. Eine Stunde braucht sie, um mich durchzurütteln. Dann geht sie langsam. Und ich kann mich wieder ins Bett legen. Am nächsten Morgen werde ich mich wieder fühlen, als wäre ich einen Marathon gelaufen.

Die 3. Nacht geht das jetzt so. Ab da beginne ich, Angst vor der Angst zu bekommen. Nun sitze ich mittendrin. Im Teufelskreis.

Aber ich kenne Schräubchen. Ich kenne Möglichkeiten um daraus zu kommen. Auch diesmal werde ich es schaffen.


Ihr Lieben, der Text ist sehr persönlich. Ich habe kurz überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen sollte. Aber ich bin mir sicher, dass ich das tun möchte. Ich weiß, dass gerade wir Eltern, oft zu spät auf uns hören. Ich weiß auch von Anderen, dass es ihnen hin und wieder ähnlich geht wie mir. Und ich weiß auch, dass Angst kein Zeichen von Schwäche ist. Nur wo Schwäche sein darf, kann auch Stärke sein.

Ich hoffe, wir finden heute Nacht alle guten, ruhigen, erholsamen und heilsamen Schlaf.

Nina


13 Gedanken zu “Nach Stress kommt Angst

  1. Danke! Seit Wochen plagen mich genau diese beschriebenen Kopfschmerzen! Es ist 3:32 Uhr – ich bin wach und lese deinem Post. Angst habe ich noch nicht-zumindest glaube ich das noch. Obwohl? Was muss ich alles noch für morgen vorbereiten? Auszeiten sind wichtig, es wäre toll wenn du mir auch deine Tipps mitgibst. Beim nächsten Mal.

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    1. Liebe Moni,
      puh, Tips zu geben finde ich sehr, sehr schwer. Jeder steckt in einer völlig individuellen Situation und jeder tickt einfach ganz anders. Ein Rezept das für alle passt, kann es da wohl gar nicht geben.
      Aber natürlich kann ich dir gerne sagen, womit ich persönlich ganz gut fahre.

      Im Alltag tendiere ich leider dazu, die Kopfschmerzen zu „überhören“, wegzuschieben. Aber das es jetzt mal wieder bis zur Angst gekommen ist, war eine große Lektion.
      Vermutlich werde ich nun wieder sorgsamer mit meinen Akkus umgehen.

      Um meinen aktuten Stress runter zu fahren, habe ich mich 2 Tage aus dem Alltag rausgenommen. Ich ging in die Sauna, lies mich massieren und war bei der Kosmetikerin. Ich merkte, dass das allein schon einige Verspannungen im Nackenbereich löste. Und der Kopfschmerz lies dadurch auch recht zügig nach. Ich fühlte mich in diesen Tagen für nichts verantwortlich, außer für mich selbst.

      Ich möchte weiterhin 1mal pro Woche in die Sauna gehen. Allein. Schon die Wärme tut meinen Verspannungen unglaublich gut.

      Der Alltag als solcher, ist zum Glück als Studentin ganz gut zu handhaben. Ich bin keinem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet. Das ist ziemlich befreiend.

      So hoffe ich, dass ich in der nächsten Zeit weiter runter kommen kann.

      Und sollte das nicht klappen, werde ich ein Urlaubssemster einlegen um mich nur um mich und meine Familie kümmern zu können.

      Wo du gerade schreibst „Ich bin wach und lese deinen Post“ – ich habe mein Handy vom Bett verbannt. Abends las ich noch oft im Bett und scrollte durch Posts. Das helle Licht und das oft schnelle „durchlaufen“ von Infos trägt, so denke ich, auch zu meinen Kopfschmerzen bei.

      Aber bitte nicht vergessen – wenn deine Kopfschmerzen zu lange anhalten, dann lass es einmal vom Arzt abklären. Setze dir vielleicht einen Zeitpunkt – wenn die Schmerzen in „xy Tagen nicht weg sind“ gehe ich mal zum Arzt. Auch das lässt einen dann ruhiger werden.

      Ich hoffe, du findest auch einen guten Weg für dich.

      Herzliche Grüße
      Nina

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  2. Vielen lieben Dank für deine Worte.

    Ich spiele selber schon lange mit dem Gedanken, meine Erfahrungen mit dem Thema auf meinem Blog zu thematisieren – bisher habe ich mich nicht getraut, obwohl ich sonst relativ offen damit umgehe.

    Meine Panikattacken fingen vor 3,5 Jahren an. Ich habe lange nicht auf meinen Körper gehört, hatte dann eine unglaublich anstrengende und aufwühlende Zeit. Dann erlebte ich mehrere Krampfanfälle meines damaligen Mannes. Irgendwann war es wohl einfach zu viel.
    Ich habe damals schnell reagiert und konnte schon kurz darauf in eine Tagesklinik für eine Dauer von 10 Wochen.
    Losgeworden bin ich die Angst und Panik dadurch leider nicht, immerhin hat sich mein Umgang mit den Panikattacken verändert.
    In der schlimmsten Zeit am Anfang bin ich sogar wieder bei meinen Eltern eingezogen.
    Ich habe es dann soweit in den Griff bekommen, dass ich mir eine neue Wohnung gesucht habe und mir einen neuen Job gesucht habe. Es war trotzdem hart, denn die Angst begleitet mich einfach jeden Tag.
    Mittlerweile habe ich einen tollen Mann an meiner Seite und eine 10 Monate alte Tochter. Als die Panikattacken anfingen, habe ich meinen Kinderwunsch für unmöglich gehalten.
    Natürlich ist es an vielen Tag hart. An Tagen, an denen die Angst mich so im Griff hat, dass ich am liebsten die Wohnung nicht verlassen will oder sogar im Bett bleiben möchte. An Tagen, an denen ich mich absolut nichts zutraue. Doch auch diese Tage schaffe ich irgendwie. Und meine Tochter ist meine größte Motivation immer weiterzumachen und nicht einfach aufzugeben.

    Liebe Grüße und nochmal vielen Dank

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    1. Liebe Ann-Kathrin,
      danke, für deine offenen Worte. Tat es dir auch so gut, dass mal nieder zu schreiben? Nachdem ich meinen Text veröffentlichte, war die Angst eine andere. Kein Gespenst mehr, sondern ein Begleiter. Der eben hin und wieder da ist. (Ich hoffe, dass klingt jetzt nicht zu abgedreht ;-))

      Ängste können uns wirklich lähmen. Du kannst stolz auf dich sein, wie weit du damit schon gekommen bist.
      Irgendwann wird der Zeitpunkt vielleicht kommen, an dem du das Thema auf deinem Blog anbringen möchtest. Vielleicht auch nicht. Beides ist gut. Ganz so wie du es brauchst.

      Mir tat es sehr gut, dass mal einmal auszuspucken. Mir haben wahnsinnig viele Menschen geschrieben, die das kennen. Ich bin sicher, Ängste sind verbreiteter als wir glauben. Wir sind damit nicht allein. Und wir sind damit nicht „unnormal“, „psycho“ oder „ein Freak“.

      Ich wünsche dir einen schönen Tag, meine Liebe!
      Nina

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  3. Liebe Nina,

    Als ich deinen Text gerade las stockte es in mir und ich hatte die etlichen Nächte vor mir, in denen ich dachte ich müsste sterben. In denen ich neben meinem Freund im Bett lag, gefangen in meinem Körper und nicht im Stande dazu war, ihn zu wecken.
    Ich hatte die Nacht im Kopf, als wir ins Krankenhaus fuhren, und wieder heim geschickt wurden, weil sie nicht wussten was sie mit mir tun sollten.
    Und ich hatte den Morgen vor meinen Augen, an dem gar nichts mehr ging. Da saß ich im Bett, nachdem mein Wecker mich wieder zur Arbeit schicken wollte und ich konnte nicht aufstehen. Ich heulte stundenlang und meine Kehle schnürte sich zu.
    Ich kenne deine Angst sehr gut und noch besser die Angst vor ihr. Dieser Teufelskreis ist ganz schrecklich. Und auch heute, 2 Jahre nach der letzten durchkämpften Nacht, hab ich manchmal Angst dass es wieder kommt.
    Ich war krank und habe eine Therapie begonnen, danach ging es mir etwas besser. Erst die Schwangerschaft und das Beschäftigungsverbot haben mir geholfen zur Ruhe zu finden.
    Ich weiß jetzt dass ich auf mich aufpassen muss, aber es fällt mir oft immer noch so schwer NEIN und STOP zu sagen. Aber Auszeiten allein nützen auch nicht immer. Es muss ein Umdenken stattfinden. Ich muss mir selbst mehr wert sein. Muss Dinge abgeben können und mich nicht nur über das geleistete definieren.
    Ich wünsche dir dass du es packst da raus zu kommen.
    Nicht nur der Körper kann krank werden, die Seele auch. Aber für den einen rennen wir ständig zum Arzt. Die Seele behandeln wir stattdessen lieblos. Dabei hängt doch alles so nah beieinander.

    Ich drücke dich ganz feste. Ganz feste, ehrlich.

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    1. Sarah, jetzt habe ich eine Gänsehaut! Ich danke dir sehr, für deine offenen und ehrlichen Worte. Wir sind uns scheinbar wirklich sehr, sehr ähnlich 😌.

      Ich hatte diese Phasen nun 3 mal. Mit 20 das erste Mal (das war mitten im Studium) und mit 22 nochmal (zwischen Prüfungen der FH). Und jetzt wieder mal. Aber jetzt ist es anders. Weil ich es kenne. Weil ich damit umzugehen weiß und sicher bin, dass ich es schaffen werde.
      Als ich es das erste Mal hatte, kam ich auch ins Krankenhaus. Die Todesangst war furchtbar. Furchtbar, furchtbar.

      Die Geburt von Milla war damals für mich ebenfalls ein riesengroßer Schritt. Weg von der perfektionistischen, engagierten Nina. Hin zur Mama. Ein Traum. Ich habe so viel über mich gelernt.

      Momentan ist es ein anderer Stress als damals. Damals ging es wirklich um „Anerkennung“. Aber heute tue ich nur noch Dinge, die ich liebe. Die ICH tun möchte. ABER – auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Ich muss lernen Dinge sein zu lassen, auch wenn ich sie noch so gerne machen würde.

      Während meines Praktikums habe ich 2 Patientinnen kennengelernt, die mit ähnlichen Erfahrungen Nachts ins KH kamen. Und das ätzendste ist, dass sie dafür von einigen Ärzten belächelt wurde… Sowas wird heutzutage leider oft nicht ernst genug genommen. Das führt dazu, dass die Patienten sich schlecht fühlen und sich mit ihrem Problem verkriechen. Und das kann dann böse enden.

      Deshalb freue ich mich, dass wir so offen darüber sprechen können 😊

      Pass gut auf dich auf, meine Liebe. Eines Tages müssen wir uns Treffen!
      Liebe Grüße, Nina

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  4. Puh, liebe Nina, das hört sich wirklich nicht gut an, aber dass Du darüber schreibst ist, wie ich finde, auch ein Zeichen dafür, dass Du es wirklich noch alleine schaffst, diese Schräubchen zu drehen. Und das ist gut und ganz wichtig, das ganz schnell zu tun.

    Ja, es ist auch wichtig solche Texte zu schreiben. Wer weiß, sicher hat das auch einige jetzt gewundert, dass es Dir so geht.

    Diese ersten Anzeichen kenne ich zu gut. Der Kopfschmerz und ganz aktuell auch der Nacken. Im September konnte ich kaum aus dem Bett aufstehen. Aus heiterem Himmel, dachte ich. Aber das stimmt ja auch nur zur Hälfte.

    Panikattacken kenne ich zum Glück nicht, hoffentlich hast Du eine ruhige Nacht heute.

    Pass auf Dich auf und höre auf Deinen Körper. Geh behutsam mit Dir um, auch wenn das leichter gesagt als getan ist, I know….

    Herzliche Grüße
    Tanja

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    1. Ganz lieben Dank, Tanja! Das schreiben tat wirklich sehr gut. Es sortiert und hilft Klarheit zu finden. Die letzte Nacht war gut! Heute habe ich mich einen halben Tag im Spa verwöhnen lassen.
      Ich bin wirklich zuversichtlich.
      Je früher man auf sich hört (und drüber spricht), umso schneller kann man die Route ändern 😃

      Liebe Grüße!
      Nina

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  5. Das ist ganz und gar nicht gut meine Liebe. Du solltest Dir mehr Zeit zum Ausruhen nehmen. Panikattacken können ganz übel enden und das weisst Du wahrscheinlich am besten immerhin bist Du bald Ärztin.
    Ich drücke dich ganz fest. Ich kann Dir keinen Rat geben, denn Angstzustände habe ich selber und nur mit Therapie und eben weniger Stress etc. bekommt man es halbwegs in den Griff. Ich vertraue auf deine Schräubchen und denke an Dich.
    deine Dani

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    1. Danke, liebe Dani. Einfach ist es nicht. Aber noch bin ich ganz, ganz zuversichtlich, dass ich den „point of no return“ (zumindenstens der „allein“ return) noch nicht überschritten habe.
      Ich werde jetzt gut acht auf mich geben.
      Danke, für deine Worte. Auch dein offener Umgang mit deiner Geschichte hat mich dazu ermutigt, damit offen um zu gehen :-*

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