Geschichten, die das Leben schreibt

Geschichten, die das Leben schreibt. So oder so ähnlich.

Da war diese Frau. 90 Jahre alt, freundlich, rüstig, warm, empathisch. Herzensgut.

Eine Patientin, auf die ich mich morgens, wenn ich um 06.30h die Zimmertür öffnete, freute. Weil sie mit ihrem warmen Lächeln mein Herz wärmte und mir damit zeigte, warum ich meinen Beruf so mochte. Die Dame war eine von den weniger pflegeaufwändigen Patientinnen. Sie wusch und bekleidete sich selbst, machte manchmal sogar ihr Bett allein. Sie war stolz auf ihre Selbstständigkeit.

Mit der Bekleidung war es allerdings leider immer so eine Sache bei ihr. Ihr Schrank bot nur einen Pulli und eine Hose. Der Pulli war mittlerweile Zeuge der verschiedensten Mahlzeiten. Präsentierte Reste vom Frühstück, Mittag und Abendbrot. Von einigen Tagen. „Ja. So ist das nämlich, wenn die Hand beim Essen nicht mehr gehorcht. Wie sie es früher noch getan hat.“, pflegte sie immer zu sagen.

Mit der Kleidung musste sie auskommen. Zwar kam ihr Sohn hin und wieder zu Besuch, doch der Kleiderschrank blieb unangetastet.

Gestern Morgen war sie schon fertig gewaschen, als ich das Zimmer betrat. Allerdings fühlte sie sich heute etwas schlapp und klagte über Übelkeit. Dennoch freute sie sich auf ihr Frühstück. Und ihren Kaffee, den sie wie gewohnt mit Milch und Zucker trank. Mit extra viel Milch.

Heute Morgen in der Übergabe erfuhr ich, dass sie sich am Abend mehrfach übergeben musste und in der Nacht, als sie wie gewohnt zur Toilette gehen wollte, schwer gestürzt war. Sie wurde bewusstlos auf dem Boden vorgefunden. Mit einer stark blutenden Platzwunde am Kopf. Nach der notärztlichen Versorgung wurde sie mit entsprechenden Überwachungsgeräten in ihr Bett gelegt.

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Quelle: Pixabay

So liegt sie da. Morgens, als ich wieder die Tür öffne. Bot sich mir am Vortag noch das Bild einer gut gelaunten, vitalen Frau, liegt sie heute schlafend in ihrem Bett. Sie trägt eines unserer OP Hemdchen, da ihr einziger Pulli den sie im Schrank hat nun blutverschmiert ist. Ihre Wunde wurde heute Nacht genäht. Das Pflaster muss ich gleich wechseln, wie ich sehe. Sie hat noch Blutspuren in den Haaren und eine Brechschale steht direkt neben ihr. Falls sie sich wieder übergeben muss. Ihr roter, verschwitzer Kopf liegt schwach im Kissen. Er erinnert mich daran, dass ich gleich unbedingt Fieber bei ihr messen muss. Nachdem ich ihre 2 pflegebedürftigen Bettnachbarinnen versorgt habe, den beiden der Schrecken der Nacht in den Knochen sitzt, öffnet sie langsam die Augen und tastet vorsichtig das Pflaster an ihrem Kopf. Fragt mich müde: „Was habe ich denn da?“ Ihre glasigen Augen lassen mich nicht mehr an Fieber zweifeln.

Ich erzähle ihr, was in der Nacht passiert ist. Sie kann sich an nichts erinnern. Fühlt nur den Schmerz im Kopf und beginnt zu weinen. „Ich möchte nicht pflegebedürftig sein. Nie. Niemals wollte ich anderen zur Last fallen!“, schluchzt sie. Wir unterhalten uns ein wenig. Ich reiche ihr Tempos, trockne ihre Tränen. Und beginne sie zu waschen. Zum ersten Mal in ihrem Leben muss sie sich waschen lassen. Ich wasche das Blut aus ihren Haaren, versorge ihre Wunde, reiche ihr die Brechschale als sie sich erneut übergeben muss. Wische nur kurz das Erbrochene von meinen Schuhen ab und pflege sie weiter. Putze ihr Zähne. Und gebe ihr Hoffnung. Und trockne zwischendurch immer wieder ihre Tränen.

Aus unserem Bekleidungsfundus hole ich einen Pulli und eine Hose. Ein passendes Paar Socken finde ich auch noch. Ihr tut es gut, nun wieder frisch gewaschen in ihrem Bett zu liegen. Gekämmt, gewaschen, frisch bekleidet, in einem frisch bezogenem Bett. Nun gefällt sie mir besser. Sie lächelt. Müde. Aber immerhin. Sie flüstert, dass sie sich nun sogar etwas auf das Frühstück freut. Und auf ihren Kaffee. Mit Milch.

Ich lüfte das Zimmer, um den Geruch von Desinfektionsmitteln heraus zu lassen, wünsche den 3 Damen schon mal einen guten Appetit. Kommt doch gleich das Frühstück.

Aber nein – erstmal kommt der Sohn. Scheinbar beeindruckt ihn die deutliche Verschlechterung von Mutters Allgemeinzustand nicht sonderlich. Noch bevor er seine Mutter begrüßt schaut er in den Schrank und fragt, wo denn die Jeans sei, die sie sonst immer trug. Ich teilte ihm mit, dass diese unten im Schrank liegen müsste. In einem Wäschesack. Weil seine Mutter darauf erbrochen hat. „Nein. Da is‘ nix.“, entgegnet er harsch. Ich war mir recht sicher, diese darein gelegt zu haben, fürchtete aber sogleich, ich könnte sie aus Versehen in unseren Krankenhaus-Wäschesack geworfen haben. Im Eifer des Gefechts.

„Aber das darf doch nicht passieren.“ Sagt er schroff. „Nein, da gebe ich ihnen recht“, sage ich. „Das darf nicht passieren. Ich zahle ihnen gerne eine Entschädigung für diese Hose.“


26 Gedanken zu “Geschichten, die das Leben schreibt

    1. Danke, Tanja! Du hast recht. Insbesondere in der Geriatrie (und natürlich auch in anderen medizin. Fachrichtungen) haben die Pflegekräfte einen ganz großen Einfluss auf die Genesung der Patienten! Die Ärzte tragen, selbst wenn sie sich mehr Nähe zu den Patienten wünschen, leider oft ein enges Korsett, geschnürt durch die wirtschaftliche Orientierung der Krankenhäuser. Wobei, da geht es den Pflegekräften natürlich oft ähnlich. Allein durch die (zum Teil) massive Unterbesetzung.
      Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

      Na ja. Ich hoffe sehr, dass ich da in Zukunft eine Nische finde, in der ich so für die Patienten da sein kann, wie es der Patient braucht.

      Viele Grüße an dich!

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    1. Mache ich 😄
      Ach, weißt du, dort draußen sind so viele Pflegekräfte unterwegs, die den Job seit Jahren ausüben. Die einen harten, doch so wichtigen aber völlig unterbezahlten Job haben. Vor denen sollten wir alle mal unseren Hut ziehen.
      Ich habe ja nur einen „Einblick“ bekommen und muss ehrlich zugeben, dass ich einen Pflegeberuf niemals als Vollzeitkraft ausüben wollen würde. Grüsse!

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    1. Gerne. Freut mich, dass dir der Text gefällt. In genau dieser „Form“ ist die Geschichte nicht passiert. Da unterliege ich natürlich der Schweigepflicht. Aber ich habe viel zu oft solche, oder sehr ähnliche Situationen erlebt. Viel zu oft.
      Ich grüße dich!

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      1. Die alte Dame, wie sie hier beschrieben ist, ist natürlich fiktiv 😉 Ich kann ja hier nicht so ganz offen aus dem Nähkästchen plaudern. Die Schweigepflicht lässt grüßen 🙂 Aber es gibt viele Begebenheiten, die so oder so ähnlich ablaufen. Natürlich sehe ich dort immer nur Momentausschnitte und versuche möglichst wenig über die zwischenmenschlichen Situationen zu urteilen. Aber manchmal… Manchmal wird man einfach nur wütend.

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      1. Ich weiß schon. 🙂 Schade, gäbe es sie 😉 hätte ich ihr gern anonym eine kleine Freude gemacht. Aber zweifellos wirst du ihr.. Also hättest du ihr theoretisch… Hust… gut getan. Ja, rein hypothetisch hättest du das ganz toll und liebevoll gelöst. 🙂

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      2. 😂 diese schlimme Erkältung die du da mit dir rumträgst… 😄 Und wenn du an Karma glaubst, dann bist du, glaube ich, auf den Top 10 der Menschen mit der liebevollsten Ausstrahlung zu finden. 😘

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