Meine Endlichkeit, mein bester Berater

Wir alle leben im Angesicht des Todes. Jetzt. Nicht erst, wenn wir schwer krank oder alt sind.

Nichts in diesem Leben ist so sicher wie mein Tod. Es könnte sein, dass ich nach dem nächsten Wimpernschlag Wurmfutter bin. Deshalb habe ich den Tod zu meinem besten Berater gemacht. Er sitzt auf meiner Schulter und ich unterhalte mich jeden Tag aufs Neue mit ihm. Ohne ihn, hätte ich einige Entscheidungen in meinen Leben nicht, bzw. ganz anders getroffen.

Vermutlich hätten wir nicht so früh unsere erste Tochter bekommen

Ich war bei der Geburt unserer ersten Tochter 25 Jahre alt. Das ist für die heutige Zeit verhältnismäßig jung. Mein Mann und ich kannten uns seit 4 Jahren. Wir waren beruflich angekommen. Die Frage war nun, ob ich nochmal ins Ausland gehen möchte oder meinen Job wechsle, um den nächsten „Karriereschritt“ anzuvisieren. Wie gut, dass wir uns für die Schwangerschaft entschieden haben. Denn der Gedanken kam: „Nein, wenn es später mal nicht mehr klappen sollte und dann die Biouhr tickt oder gesundheitlich irgendwas dazwischen kommt, wirst du deines Lebens nicht mehr glücklich.“ Mein innigster Wunsch war es, in diesem Leben Kinder zu bekommen. Die beste Entscheidung meines Lebens, im Übrigen!

22W0T_3Vermutlich hätten wir nicht so kurz nach der Geburt unserer ersten Tochter, Kindchen 2 gezeugt

Die anfängliche Zeit mit unserer ersten Tochter war nicht leicht. Das wisst ihr. Und dennoch: Wir wollten zwei Kinder. Auch für unsere erste Tochter. Geschwister zu haben, war für uns immer ein Segen. Was auch immer kommen sollte, wie anstrengend es auch immer war. Kindchen 2 sollte lieber zu schnell als zu langsam kommen.

IMG_2216Vermutlich hätte ich meinen alten Beruf nicht gekündigt

Die Frage für mich war: „Willst du jetzt, bis ans Ende deiner Tagen diesen Job machen?“ Die Antwort war nicht schwer.

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Meine damalige Zweitheimat. Ich muss zugeben, dass Ambiente dort hat meine Entscheidung nicht unbedingt erschwert.

Ich hätte 2kg weniger auf den Hüften

Ach kehr. Weiß ich denn, wie oft ich noch dieses köstliche Pesto essen kann 😉 ?

Ich hätte ich es niemals gewagt, bzw. den Aufwand nicht betrieben, mich an einer Privatuni zu bewerben

Warum ich es dennoch gemacht habe? Weil ich ganz sicher war, am Ende meiner Tage dort zu liegen und mich zu fragen: „Hätte es vielleicht doch geklappt? Wenn du es nur probiert hättest.“ Und darauf wollte ich es nicht hinaus laufen lassen. Ohne Mist, ich habe mich mit der Einstellung beworben: „Ich möchte die Absage wenigstens schwarz auf weiß haben. Dann kann ich einen Haken für mich dahinter setzen.“ Dann kam doch alles anders.

Ich würde bei so einigen Streits unnachgiebiger sein

Ich kann fürchterlich stur sein. Aber es gab Zeiten, da war ich noch viel sturer. Das heißt im Übrigen nicht, dass ich mich nie mit jemandem streite. Aber ich kann „sauber“ streiten. Fair und mit mir dabei im Reinen. Außerdem ärgere mich viel weniger über alltägliche Nichtigkeiten. Drängelnde Menschen an Kassen, hupende Autofahrer oder unfreundliche Verkäufer können mir nur noch ein ungläubiges Schmunzeln entlocken.

Das heißt allerdings noch lange nicht, dass ich mich debil grinsend auf einer emotionalen Nulllinie bewege. Nein, nein. Ich kann hochgehen wie ein Flummi. Aber ich kann eben auch genauso schnell wieder runter kommen.

Würde es viel mehr unausgesprochene Worte zwischen meinen Eltern und mir geben

Als Kind kommt man immer mal wieder in die Situation in der man sich denkt: „Klar, alles wegen meinen Eltern.“ Wir haben über Dinge gesprochen, die lange zwischen uns geschwelt haben. Und tun dies immer noch, wenn mal wieder ein Thema aktueller wird. Manchmal sind solche Gespräche zwar anstrengend, aber wichtig. Vor allem müssen sie regelmäßig geführt werden. Das tut gut. Das reinigt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass auch meine Eltern dazu bereit sind! Denn wenn diese Gesprächsbereitschaft einseitig ist, sind solche Gespräche nicht zielführend. Auch das mussten wir im Familienkreis leider miterleben.

Für das Ende meiner Tage war es mir immer wichtig, meine Eltern RICHTIG zu kennen und zu verstehen. Aber auch zu wissen, dass ich das Beste von mir in dieser Eltern-Kind Beziehung gegeben habe.

Wahrscheinlich einen größeren Freundeskreis

Ich mag es, mit Menschen in Kontakt zu sein. Das führte leider oft dazu, dass ich zwar viele Bekannte hatte, dafür aber weniger Zeit um in die mir wichtigen Freundschaften zu investieren. Hier lege ich mittlerweile ganz andere Prioritäten. Es gibt wenige, aber dafür umso wichtigere Menschen in meinem Leben.

Ich kann nur sagen, die Präsenz unseres Todes bereichert unser Leben ungemein. Zum Glück, denkt Björn darüber genauso wie ich! Ich glaube, das ist im Übrigen auch das Geheimnis unserer zumeist sehr ausgeglichenen Ehe.

Deshalb ist es für uns ganz normal, immer mal wieder über folgende Themen zu sprechen:

Unsere Patientenverfügung

Endlich, endlich, haben wir sie ausgefüllt. Unsere Patientenverfügungen. Wir werden sie an verschiedenen Orten hinterlegen, damit im Ernstfall mehrere Personen Bescheid wissen. Das allerwichtigste an diesem Schreiben ist ja, dass man sich über dieses Thema unterhält. Wie möchte ich behandelt werden, wenn ich schwerstkrank bin? Wer darf dann für mich entscheiden? Schön zu wissen, dass man sich darüber mit jemandem austauscht.

verfügungWie möchte ich beerdigt werden?

Ganz grundsätzlich denke ich: „Macht mit mir, was IHR, also die Hinterbliebenen, möchtet.“ Denn:

„Das Gehen ist leichter, als das Bleiben!“

Ja, das denke ich. Deshalb ist es mir ganz wichtig, dass meine Hinterbliebenen mich so gehen lassen, wie sie es brauchen. Wünschen sie sich ein Grab, welches sie regelmäßig besuchen können, dann möchte ich in einem Sarg beerdigt werden. Möchten sie mich irgendwo an einem schönen Ort „verstreuen“, dann sollen sie das bitte tun. Björn hat mir seine Wünsche diesbezüglich ebenfalls mitgeteilt. An einem schönen Abend. Bei einem Glas Wein. Arm in Arm. Ein schöner Abend, war das.

Was passiert mit den Kindern, wenn nur ein Elternteil stirbt?

Klare Sache. Natürlich werden die Kinder beim hinterbliebenen Elternteil groß. Uns ist allerdings wichtig, dass sich die Hinterbliebenen gut begleiten lassen. Vor allem, dass die Kinder gut und professionell begleitet werden. Es gibt ganz wunderbare Menschen, die Trauernde begleiten. Es gibt Kindertrauergruppen, in denen die Kinder auffangen. Mit all ihren Gefühlen. Gruppen die helfen, den Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie sollen spüren können, dass sie nicht allein sind. Das auch andere Kinder ein Elternteil oder gar beide Elternteile verloren haben. Das wäre mir wichtig.

Was passiert mit den Kindern, sollten wir beide gleichzeitig sterben?

Himmel, ja. Das wäre eine Katastrophe. Aber es bringt ja nichts, die Augen davor zu verschließen. Theoretisch kann es passieren. Rein formal gesehen, ist die Regelung nichts Wildes. Man kann als Elternpaar ein Schreiben aufsetzen, in welchem man eine Vormundschaft für die Kinder regelt. Dieses Schreiben ist leider nicht zwingend rechtsverbindlich. Schlussendlich wird zum Wohle der Kinder entschieden. Dieser Beschluss könnte dann unter Umständen von der von den Eltern gewünschten Vormundschaftsregelung abweichen. Deshalb sollte man seiner Entscheidung eine gute Begründung beifügen.

Zugegebenermaßen ist das aber das schwierigste Thema für uns. Nicht, weil es nicht genug liebe Menschen in unserem Leben gibt. Aber letztendlich geht es um die Frage, wo sollen unsere Kinder groß werden? Wo sind sie am besten aufgehoben? Und da spielt so viel mit rein. Abschließend sind wir uns an dieser Stelle noch nicht einig. Aber wir arbeiten daran.

Mich würde sehr interessieren, wie es euch mit diesen ganzen Gedanken geht. Schrecken sie euch ab? Oder tauscht ihr euch ebenfalls mit euren Lieben darüber aus?

Ach ja. Eines noch:

„Lieber Tod, wenn ich einen Wunsch äußern darf – bitte lass mich vor meinen erwachsenen (!) Kindern sterben.“

Es grüßt euch, die total quietschlebendige,

Nina


16 Gedanken zu “Meine Endlichkeit, mein bester Berater

  1. Liebe Nina,
    vielen lieben Dank für den offenen, ehrlichen Post… seitdem ich ihn gelesen habe, musste ich zwar zwangsläufig immer mal wieder an ein paar unangenehme Dinge denken – wer denkt schon gerne an den Tod?! – aber gleichzeitig ist es doch genauso, wie Du es beschrieben hast: Wenn wir uns bewusst machen, wie schnell alles vorbei sein kann, wird uns noch bewusster, wie dankbar wir jeden einzelnen Tag dafür sein können, dass wir hier sind. Und auch noch das Glück haben, eine Familie gründen zu dürfen. Genau dieses Bewusstsein kann uns dann eben auch helfen, Dinge zu tun, die wir wirklich WOLLEN – in diesem Sinne bravo liebe Nina, dass Du Deinen Medizinstudienplatz hast und Dein Ziel so klar verfolgst! Alles Gute dafür und liebe Grüße:)

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    1. Lange habe ich versucht, andere Menschen „zu verändern“. Ihnen meine Meinung, mein Denken aufzudrücken. Immer wieder kund zu tun, warum ich etwas für richtig halte…. Und irgendwann dämmerte es mir, dass das nicht der richtige Weg sein kann. Jeder Jeck ist anders. Vor allem hat jeder eine andere Realität. Wie kann ich mir da anmaßen zu denken das ich wüsste, was für jemand anderen das Richtige sein könnte.
      Man kann nur an sich selbst arbeiten. Und wenn die Diskrepanzen zu anderen zu groß, zu kräftezehrend sind, muss man die Kontaktfrequenz halt runter fahren.

      Deine vorletzte Nachricht hat mich sehr beeindruckt. Ich möchte mir nur einen Zeitpunkt voller Ruhe nehmen, um dir darauf zu antworten.

      Ich danke dir! Hab ein schönes Wochenende!

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  2. Liebe Nina, ich könnte soooo viel sagen zu diesen Themen, aber ich glaube, das ist wirklich was, für einen Abend mit ner Flasche Wein und uns beiden. (Wir müssen langsam eine Liste machen, was wir an diesem Abend alles machen wollen :-). Daher möchte ich dir einfach für diesen tollen Text und den Denkanstoß danken! Eine Patientenverfügung sollten wir tatsächlich auch ausfüllen. Und diese Kindersache klären, im Falle uns passiert was. Und überhaupt. Aber ach, das Wetter ist so schön und, und also ich muss echt sagen, ich hab Angst vor dem Tod. Nicht vor dem was danach kommt, denn keine Ahnung, ob was kommt, sondern vor dem Wegsein. Blöd und sinnlos, ich weiß. Aber ich hab keine Angst vor einem Austausch darüber und das haben wir Ende letzten Jahres, nach unseren vielen Todesfällen, auch sehr intensiv getan. Und es ist schön, dass man sich darüber mit seinem Partner austauschen kann. Genau wie du es schreibst 🙂

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  3. Der Tod ist zwar hier gerade auch größeres Thema, aber eher in der Generation über uns. In der Partnerschaft bin ich wohl diejenige, die öfter mal.daran denkt, was ist wenn einem von uns beiden etwas passiert. Auch finanziell. Aber schriftlich ist da noch gar nichts festgehalten.

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  4. Wow! Ich bin beeindruckt, dass du/ihr da so offen drüber sprecht. Ich weiß, das sollte oder müsste man eigentlich auch, aber ich muss gestehen, dass mir das wirklich sehr schwer fällt.
    Ich werde, wenn es um das Thema Tod geht, direkt emotional. Egal, ob ich über meine Wünsche spreche oder auch über die Wünsche von mir nahen Menschen.
    Ich habe leider schon mehrfach erleben müssen, dass eine Krankheit oder ein Unfall einen jungen Menschen aus dem Leben reisst. Darunter auch meinen besten Freund.
    Und genau deswegen weiß ich, wie schlimm es ist, als Angehöriger in so einem Moment Entscheidungen über zB Organspende oder halt auch die Beerdigung zu treffen. Deshalb müsste ich eigentlich „als Erste“ eine Patientenverfügung ausfüllen – ich kann es aber einfach nicht.

    Ich hoffe, dass wir alle die Patientenverfügungen noch ganz lange nicht brauchen werden. (Irgendwie eine komische Formulierung)

    Liebe Grüße

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    1. Auch ich wünsche mir nichts sehnlicher… Aber im Fälle eines Falles würde mich das Wissen um die Wünsche meiner Liebsten halten.

      Vielleicht ergibt sich bei euch auch irgendwann die Möglichkeit über diese Themen zu sprechen. Jeder findet seinen Weg. Und der ist völlig individuell.

      Ich grüße dich herzlich, Nina

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    2. Meine Liebe, in meiner letzten Nachricht habe ich das Allerwichtigste vergessen… Nämlich dir zu sagen, dass ich gut mitfühlen kann, wie unendlich scheisse (ich finde, an dieser Stelle hat dieses Wort seine absolute Daseinsberechtigung) es ist, wenn man einen lieben Menschen gehen lassen muss.
      Ich hoffe, dass dieses Thema nicht so bald wieder, so nah an euch heran tritt.
      Viele Grüße, Nina

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