Meine Kinder haben meine Karriere gekilled

– und warum ich ihnen dafür ein Leben lang dankbar sein werde –

Wisst ihr, ich mag das Wort Karriere nicht. Wenn ich mir die Karriere als Mensch vorstelle, sehe ich ein egozentrisches, ungepflegtes Etwas vor mir, was von seinem Gestank durch teures Parfüm und einem neuen Gucci Mantel versucht abzulenken. Vielleicht ist er sogar leer. Der Mantel. Nur eine Hülle. Aber ein nennenswertes Accessoire trägt sie noch. Eine Brille mit Scheuklappen. Um nicht abgelenkt zu werden.

Was ich damit sagen möchte: Karriere ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Eine Karriere macht keinen sympathischen Menschen aus. Klar. Eigentlich keine revolutionäre Aussage. Nur ist mir das Wort Karriere im umgangssprachlichen Gebrauch zu mächtig. Jemand der „Karriere gemacht“ hat, wird üblicherweise als erfolgreicher, beachtenswerter Mensch wahrgenommen. Etwas, das es nachzuahmen gilt. In der Hoffnung Karriere zu machen, lassen sich dadurch viele Menschen eine Brille mit Scheuklappen aufsetzen. Rennen geradeaus, ohne nach links und rechts zu schauen. Ohne beizeiten zurückzutreten und sich zu fragen, ob die Richtung noch stimmt.

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Quelle: Pixabay

Darüber kann man natürlich jetzt vorzüglich diskutieren. Machen wir es mal dingfester. Wikipedia definiert Karriere wie folgt:

„… die persönliche Laufbahn eines Menschen in seinem Berufsleben. Umgangssprachlich wird der Begriff Karriere dabei häufig verbunden mit Veränderung der Qualifikation und Dienststellung sowie sozialem Aufstieg (…). Das Wort Karriere bedeutet dem Wortsinn nach schlicht Fahrstraße (…), wird im Volksmund aber eher als bestimmte Richtung „nach oben“ verstanden.“

Einigen wir uns also darauf, dass die Karriere eine erfolgreiche, „nach oben“ gerichtete Berufslaufbahn ist. Das ist an und für sich nicht schlecht. Fragt sich dennoch, ob das so erstrebenswert ist.

Ist Karriere erstrebenswert?

Jein. Wir sind nun mal mehr als unser Beruf. Deshalb sehe ich Karriere nur als erstrebenswert an, wenn sie meinem persönlichen Erfolg gut tut. Nicht aber, wenn ich dafür andere Aspekte meines Lebens außer Acht lassen, die mir gut tun würden. Erfolgreich zu sein bedeutet für mich, am Ende des Tages zufrieden mit mir und meinem Leben zu sein. Mein Leben, das aus vielen kleinen Puzzleteilchen besteht, die es immer mal wieder neu zusammen zu setzen gilt. Erfolg ist kein fester Zustand. Vielmehr bedarf er regelmäßiger Beachtung, Reflektion und Anpassung.

Erfolg ist eine Treppe. Keine Tür.

Erfolg ist also mehr als Karriere. Karriere mag ein Puzzlestück des persönlichen Erfolges sein. Aber ich bin mehr als meine Karriere, weil ich mehr als mein Beruf bin. Erfolg impliziert für mich auch nicht, dass ich einen Beruf ausüben muss, der mich „erfüllt“. Selbstverständlich wäre das toll, aber da gibt es so viel mehr, was ich tun kann, um „erfüllt“ zu sein. Ich kann mich ehrenamtlich engagieren, Zeit mit meiner Familie, mit meinen Freunden genießen. Ich kann einem Herzenshobby nachgehen. Da kann dann ruhig ein Teilaspekt negativ in meine Erfolgsbilanz fallen (wie z.B. der Beruf bei so vielen), solange ich es durch Dinge wieder aufhebe, die mir gut tun.

So, genug allgemeines Gefasel. Butter bei die Fische. Wie war es bei mir und warum sind meine Kinder schuld?

Bevor ich Kinder bekam, trug ich eine Brille mit Scheuklappen. War fokussiert auf ein erfolgreiches Berufsleben. Viel anderes, außer meinem Beruf gab es gar nicht. So vergaß ich beizeiten zu hinterfragen, ob die Richtung für mich noch stimmte.

Ich bin ich sehr froh, dass dann recht früh zwei Kinder in mein Leben kamen, die mir diese Brille rüde von der Nase rissen. Früh genug, um meinem Weg eine neue Richtung zu geben. Ich sah mein Leben aus einem anderen Blickwinkel heraus. Ich hatte Zeit um mich zu hinterfragen, um mich neu zu orientieren. Ich stellte fest, dass ich so viel mehr bin, als mein Beruf. Und vor allem, dass der Beruf, den ich zu diesem Zeitpunkt ausübte, mich in einem unbefriedigendem Tätigkeitstaumel gefangen hielt.

Meine Kinder waren also ein Karrierekiller, aber mein persönlicher Erfolgskatalysator der Extraklasse. So gesehen, sind unsere Kinder die besten Coaches, die mir über den Weg laufen konnten.

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Ich bin überzeugt davon, dass wir, als Eltern, einen Vorteil haben. Wir haben unsere eigenen Personal Coaches an der Seite, die uns jeden Tag aufs Neue schulen. Worin sie uns schulen? Nun. Das mag bei jedem anders sein. Bei mir waren es bisher folgende Lektionen:

Was ich von meinen Kindern lernte, um erfolgreich zu sein?

  1. auf meine Intuition zu hören
  2. zu reflektieren, wie mein Verhalten auf andere wirkt. Immer und immer wieder.
  3. Achtsamkeit, nicht als leere Begriffshülle zu lesen, sondern sie im Alltag umzusetzen
  4. Geduld, Geduld, Geduld
  5. Toleranz. Keiner muss so denken wie ich. Jeder ist anders. Und zusammen werden wie zu etwas Besserem.
  6. Ruhe zulassen und wertzuschätzen. Ruhe zu genießen.
  7. Vertrauen ins Leben zu haben
  8. schwierige Lebensphasen als Aufgabe, statt als Belastung wahrzunehmen

Und so kam es, dass ich zu einem anderen Menschen wurde. Anders denkend. Andere Prioritäten setzend. Ich denke, die Nina, die ich vor 10 Jahren noch war, würde ich heute gar nicht mehr gerne kennen lernen wollen.

Danke, ihr Weltbestenkinder dieser Welt.

Ging es euch ähnlich? Haben eure Kinder vielleicht ebenfalls zu einer großen Kehrtwende in eurem Leben geführt? Oder war vorher schon alles so, wie ihr es euch erträumt hattet?

Ich grüße euch, aus dem Krankenlager.

Nina

 


6 Gedanken zu “Meine Kinder haben meine Karriere gekilled

  1. Vor der Geburt meiner Tochter war mir meine Arbeit ungemein wichtig – vor allem als Quelle des Lebenssinns. Das ist jetzt eindeutig anders. Ich mag meinen Job, aber mir ist viel bewusster, dass meine anderen „Hüte“ – Mutter, aber auch Partnerin, Freundin, Schwester und so weiter meinem Leben Sinn geben. Von einer Karriere im volksmundlichen Sinne habe ich mich verabschiedet – und letztes Jahr meine Hosenanzüge weg geben. In meinem jetztigen Job tut es in jedem Fall ein hübsches Kleid.
    Erfolg für mich umzuformulieren ist hingegen nicht so einfach. Ich wünsche mir oft, die Anerkennung von Aussen für meine Job als Mutter / Mütter generell wäre größer.

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    1. Das kann ich gut nachvollziehen. Auch ich hadere manchmal mit der wenig vorhandenen „Anerkennung der Leistung von Müttern“. Aber grundsätzlich denke ich, dass wir nach dieser Anerkennung nicht suchen würden, wenn wir mit uns selbst im Reinen wären. Sprich, wenn wir unsere Zufriedenheit im Mutterdasein finden, aus Überzeugung, wäre wir nicht auf die Anerkennung anderer angewiesen. Es beginnt mit uns.
      Liebe Grüße, Nina

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  2. Nein. Das kann auf Dauer wirklich nicht funktionieren. Nicht ohne irgendwann völlig frustriert und ausbegrannt da zu sitzen. Im Grunde bräuchte dein Tag 48 Stunden, oder? Ich denke, viele Mütter, saßen mal mit ähnlichen Gefühlen da, wie du sie derzeit empfindest. Mich eingeschlossen. Ich drücke dir die Daumen, dass du bald Stellschrauben findest, die dir helfen zufriedener zu werden.
    Viele Grüße von mir, aus’m Pott,
    Nina

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  3. Kehrtwende? Jein. In manchen Bereichen, ja. In anderen, nein. Gerade im Berufsleben bin ich wieder mal sehr, sehr frustriert. Ich verbringe immerhin 5 x 8 Stunden die Woche mit Beruf. Da muss es für mich schon stimmen und das tut es ganz und gar nicht. Weil Beruf Familie frisst und Familie Beruf frisst. Da sitzt man am Ende da, statt mit rundum zufrieden mit überall unzufrieden. Da hat dann keiner was davon.
    Für mich, mein Leben, mein Seelenheil, meine Zufriedenheit, meine Balance, ist mein Berufsleben wichtig. Das kann man nicht wegreden und nicht wegwünschen. 8 Stunden im Tag unzufrieden, dann noch Haushalt, dann hoch Einkaufen, dann noch ein paar Minuten Zufriedenheit aus dem Zusammensein mit dem Kind schöpfen – das funktioniert auf Dauer nicht!

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