Eine Lektion von Sterbenden

Auf Platz 1 der intensivsten Erfahrungen meiner Praktikumszeit ist eine Situation, die ich immer wieder erlebe: Sehr alte Menschen, oft sterbende Menschen, die nach ihren Eltern rufen. Weinend. Ihre Worte treffen mein Herz ohne Umwege.

„Mama, komm doch endlich. Ich warte hier auf dich.“

„Papa, wo bleibst du. Du hast doch versprochen zu kommen.“

Verzweifelte Kinderseelen, die aus ihnen sprechen. Erwachsene, die ihren Mantel des Erwachsen-Seins abgelegt haben. Das Kind in sich freigelegt haben. Nackt. Verletzlich. Hilflos.

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Quelle: Pixabay

Aus drei Gründen, gehe mir die Worte unwahrscheinlich nah:

1) Klar. Natürlich habe ich großes Mitgefühl. Sie liegen dort. Krank. Schwach. Verzweifelt. Einsam. Auch ich bin dann hilflos. Zum einen weiß ich gar nicht genau, welche Worte von mir die richtigen wären. Zum anderen befinden sich diese Menschen oft in einem Zustand, in dem sie (scheinbar) kaum noch ansprechbar sind. Da sein. Zuhören. Hand halten.

2) Auch ich trage ein Kind in mir. Ein Kind ummantelt vom erwachsenen Sein, dass dennoch gehört und gepflegt werden möchte. Werde ich diesem Kind in mir gerecht? Wie geht es diesem Kind?

Wenn ein Mensch weiß, wer er ist, hat er keine Angst, verschlungen zu werden. Wenn er über Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl verfügt, hat er keine Angst, verlassen zu werden.
John Bradshaw, Das Kind in uns

3) Zum anderen habe ich das Glück, zwei Kinder in ihr Erwachsen-Sein begleiten zu dürfen. Zwei Kinder die gerade ihre ersten grundlegenden Erfahrungen machen. Zwei Kinder, deren Worte vielleicht auch eines Tages aus einem alten Körper sprechen werden. Zwei Kinderseelen, die ich mit prägen werde. Ehrfurcht.

Ich vergleiche uns Menschen gerne mit Matrjoschkas. Den beliebten russischen Püppchen. Wir kommen als kleines Baby, kleines Püppchen, auf diese Welt. Im Laufe der Jahre wachsen wir, legen Schalen um uns. Diese Schalen sind gefertigt aus Erfahrungen und Umwelteinflüssen. Positiven wie Negativen. Wir durchlaufen verschiedene prägende Entwicklungsstufen und erhalten damit verschiedene Persönlichkeitsanteile. Verschiedene Ich-Kerne. Unsere Herausforderung ist es, in Kontakt mit den verschiedenen Kernen in uns zu bleiben. Ihnen die Hand zu reichen, sie zu Wort kommen zu lassen, sie zu verstehen, mit ihnen zu spielen. Das lässt uns ganz sein.

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Manchmal weine ich wie ein Baby. Bin hilflos und unselbstständig. Manchmal bin ich trotzig und egoistisch wie ein Kleinkind. Manchmal habe ich eine Scheiß-Egal-Einstellung wie eine Jugendliche. Manchmal bin ich vernünftig, rational und zielorientiert. Wie eine Erwachsene. Das alles ist okay. Das alles bin ich.

Meinen Kindern versuche ich, eine wundervolle Kindheit zu bieten. Sie zu hören. Sein zu lassen. Zu lieben. Auf das sie später gerne zu ihrem inneren Kind sprechen werden.

Ein Kind, das wir ermutigen, lernt Selbstvertrauen. Ein Kind, dem wir mit Toleranz begegnen, lernt Offenheit. Ein Kind, das Aufrichtigkeit erlebt, lernt Achtung. Ein Kind, dem wir Zuneigung schenken, lernt Freundschaft. Ein Kind, dem wir Geborgenheit geben, lernt Vertrauen. Ein Kind, das geliebt und umarmt wird, lernt, zu lieben und zu umarmen und die Liebe dieser Welt zu empfangen.

Ich zeige ihnen, wie wunderbar es ist, seine eigenen Anteile wahrzunehmen. Wie gerne lässt meine Große sich in ihr Baby-Sein fallen. In meinen wiegenden Armen liegend. In diesen Momenten, würde sie am liebsten wieder in meinen Bauch kriechen. Sagt sie. Ebenso freuen wir uns aber über die gewonnen Fähigkeiten. Die neuen Schalen.

Ich wünsche mir, mit ihnen gemeinsam zu einem professionellen Puppenspieler zu werden. Stolz auf jede Schale, auf jedes Püppchen, dass wir mit uns tragen.

Ich habe eine intime Frage an euch: Habt ihr auch schonmal einen sterbenden Menschen begleitet und ähnliche Erfahrungen gemacht? Hat das euer Sein, euer Muttersein verändert? Hattet ihr vielleicht ähnliche Gedanken wie ich sie habe?

Winke, winke – vom Baby in mir / Tüss – vom Kleinkind in mir / YOLO – von der Pubertierenden in mir / Bis ganz bald – von der Erwachsenen in mir.

 


14 Gedanken zu “Eine Lektion von Sterbenden

  1. Als ich die erste Sterbende begleitet habe, war ich noch Auszubildende im Krankenhaus, bei meinem ersten Einsatz auf der internistischen Station. Ihre Tochter und der Schwiegersohn kamen kurz zu Besuch, doch obwohl der Arzt ihr klipp und klar sagte, dass diese Nacht ihre letze sein würde, fuhren sie wieder nach Hause. Sie hätten keine Zeit, der Babysitter müsse abgelöst werden.
    Ich bat daraufhin um Erlaubnis, bei der Frau sitzen zu dürfen bis sie gestorben war. Zum Glück hatte ich so nette Kollegen, das sie es möglich machten, obwohl ich damit als Arbeitskraft für den Rest der Schicht wegfiel. Ich saß also neben dieser Frau, die sehr schlecht Luft bekam und nahm ihre Hand. Sie war wach, aber nicht ansprechbar, sprach auch nicht. Sie kämpfte nur. Mit der Angst, mit dem Leid, mit ihrem Ende.
    Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort saß, aber irgendwann war einer der quälenden Atemzüge der letzte. Ich blieb noch etwas bei ihr sitzen und rief dann eine Kollegin und die Ärztin. Ich half, sie ein letztes Mal zu pflegen und sie würdevoll zu betten.
    Ich bin danach noch vielen Menschen begegnet, die mit dem Tod gar nicht umgehen können: Ärzten, Pflegepersonal, Angehörige. Ich habe gelernt, dass der Tod eine Erlösung sein kann, eine unendliche Ungerechtigkeit, aber auch sanft und sogar schön. Das Sterben ist so individuell wie das Leben.
    Ich habe mit Menschen geweint oder sie umarmt, ich habe geredet oder einfach nur zugehört. Ich war wütend, traurig und manchmal war es auch einfach gut. Und ich sage Dir: Würde ich noch einmal in der Pflege arbeiten, es wäre ein Hospiz.
    Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte. So begleitete ich nicht völlig unerfahren meinen Großvater, der zum Schluss ebenso nach seiner Mama rief (aber meine Mutter meinte, die sich sehr um ihn kümmerte). Ich pflegte die Mutter meiner besten Freundin einige Zeit bis sie ins Hospiz kam und konnte für ihre Kinder da sein.

    Gerade letzt dachte ich, wie viel mehr Angst ich vorm Tod habe, seit er in meinem Leben so gar nicht mehr präsent ist. Schon komisch…

    Danke für die Erinnerung!

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    1. Oh, meine Liebe, was für schöne Worte du gefunden hast ❤ genau die von dir beschriebenen Gefühle kenne ich auch. Von einem unendlich traurigem und ungerechtem bis zu einem wundervollem, stillem und erleichterndem Ereignis war alles dabei.

      Spannend, dass dir die Nähe zu Sterbenden eine innere Ruhe gibt und Ängste nimmt. Mir geht es sehr ähnlich. Manchmal finde ich das fast ein wenig befremdlich.

      Hospize leisten großartige Arbeit. Mich hat es immer gereizt, dort mal zu arbeiten. Bisher kam es leider nicht dazu.

      Ich glaube, wir sind uns sehr, sehr ähnlich 🙂

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  2. Als meine Oma vor ein paar Jahren wegen einer Kleinigkeit ins Krankenhaus kam, wusste ich noch nicht, dass ich sie beim Sterben begleiten würde. Ich habe ihr ein paar Sachen gebracht, Zeitschriften gekauft und mit ihr Kaffee getrunken, damit ihr nicht langweilig ist. Dann bekam sie im Krankenhaus einen Schlaganfall und konnte ab dem Zeitpunkt viele Dinge nicht mehr. Nach einem Gespräch mit Ärzten und Krankenschwestern wurde mir klar, dass sie nicht mehr nach Hause kommen würde. Und ich ihr den letzten, größten, schrecklichsten und wunderbarsten Gefallen tun könnte: sich geliebt und aufgehoben zu fühlen bis sie für immer einschläft. Die Positionen haben sich gänzlich verschoben. Ich habe sie gewaschen, sie sauber gemacht, sie gefüttert und nach einiger Zeit fing sie an, mich ab und zu „Mutter“ zu nennen. Ich habe das nicht korrigiert, weil ich es schön fand für sie, sich aufgehoben, versorgt und geliebt zu fühlen wie von ihrer Mama (ich wusste, dass sie sie selbst 25 Jahre nach ihrem Tod immer noch vermisste). Oma und ich haben uns mit den neuen Rollen arrangiert.

    Minuten bevor sie starb hatte sie den ersten klaren Gedanken seit Wochen. Sie hat mein Gesicht in die Hände genommen, mir in die Augen gesehen und mir einen Kuss gegeben. „Danke, mein Engel. Du bist meine Beste.“ waren ihre letzten Worte an mich.

    Ich bin glücklich darüber, diesen Weg mit ihr gegangen zu sein. Der Gedanke, dass sie dachte, ihre Mutter versorgt und pflegt sie als sie so schwer erkrankt ist macht mich aber am glücklichsten.

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    1. Alex, jetzt sitze ich hier und heule wie ein Schlosshund.
      Deine Oma hat wahrlich einen Engel an ihrer Seite gehabt. Ich finde es so stark und mutig von dir, den Weg mit ihr gegangen zu sein! Es gibt wenige von deiner Sorte!
      Im Krankenhaus haben wir viele alte Menschen die kaum Besuch bekommen. Die allein gelassen werden, weil ihre Kinder so beschäftigt sind. In der Annahme, dass die Schwestern sich schon kümmern werden. „Oma oder Opa bekommen doch eh noch kaum was mit“. Aber die Zeit, die ein Mensch in diesen Tagen braucht und verdient hat, kann leider im Krankenhausalltag seitens der Pfleger kaum aufgebracht werden.
      Danke, dass du mir geschrieben hast! und danke, dass du eine von denen bist, die diese Welt menschlicher machen.
      Liebe Grüße, Nina

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