Fotojunkie auf Entzug

Quelle: Pixabay
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Ich liebe es, meine Kinder zu fotografieren. Und ganz besonders liebe ich es, die Fotos später zu betrachten und durch sie in Erinnerungen zu schwelgen. Ich liebe es, durch sie in vergangene Zeiten, vergangene Bilder einzutreten. Die Vergangenheit dadurch wieder spüren zu können.

Ich liebe die Fotobücher die daraus entstanden sind. Meine liebsten Fotos bekommen darin einen Platz. Denn ich möchte die Bilder in meinen Händen halten. Digital sind sie für mich nur halb so viel wert. Sie bleiben wertlose digitale Nachweise meines Lebens, die vermutlich irgendwann niemanden mehr interessieren werden.

Ich genieße die Momente mit meinen Kindern. In denen wir gemeinsam die Alben durchblättern und ich ihnen Geschichten meiner Kindheit erzähle. Ihnen ein Gefühl dafür gebe, wie sie zur Welt gekommen sind. Wie es uns als junge Familie mit ihnen ging. Ihnen zu zeigen wie ihr Zimmer damals aussah. Wie sie sich zum ersten Mal gedreht haben. Gelaufen sind.

Sie genießen das auch. Gemeinsam saugen wir die Momente auf und unsere Erinnerungen werden noch viel bunter und plastischer. Präsenter. Fotos sind wertvoll und wunderbar.

Aber immer öfter schleicht sich beim Fotografieren ein ungutes Gefühl bei mir ein. Wenn ich mir die ganzen Fotos auf meiner Festplatte anschaue, läuft mir manchmal ein Schauer über den Rücken. So viele Fotos. So viele Momente. Was sind das für Momente? Momente, die ich nur durch die Linse wahrgenommen habe.

Definition Foto = ein unwiederbringlicher vergangener Moment. Den wir aber nicht erlebt haben.

Mein Problem ist, ich fotografiere nicht, ich knipse. Mein Talent für gute Fotos geht da einfach Richtung Null. Deshalb knipse ich viel, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass da ein brauchbares Foto unter den hundert, vermeintlich Unbrauchbaren, sein wird.

Aber ich glaube, es gibt noch einen anderen Grund, warum ich das mache.

Ich kann manchmal nur schwer zulassen, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Also versuche ich sie zu konservieren. Halte sie auf Bildern fest, um sie ein Leben lang in meinen Händen halten zu können.

Aber belüge ich mich damit nicht zum Teil selbst? Halte ich nicht an etwas fest, was sich nicht festhalten lässt und zahle dafür einen hohen Preis? Wie viele Momente habe ich festgehalten, die ich nur durch die Kamera erlebt habe und nicht durch meine Augen. Meine Seele.

Wie viel Zeit steckt in den Bildern? Zeit um Anderen in die Augen zu sehen. Direkt. Zeit um Momente zu spüren anstatt den richtigen Winkel zu suchen. Zeit um da zu sein, anstatt sich mit Kameraeinstellungen zu befassen.

Wenn ich mich auf Veranstaltungen meiner Kinder umschaue und in die Elternschaft blicke, während die Kinder ein Lied vorsingen. Dann… Finde ich den Anblick einfach nur befremdlich. Unpersönlich. Stehende Menschen mit hochgehaltenen Kameras, auf dem Boden liegenden Menschen, in der Hocke sitzende Väter, Mütter die an den Rädchen der Kamera drehen. Laufende Eltern, die versuchen eine bessere Ausgangsposition zu finden. Und Blitze. Viele Blitze. Unruhe.

Vorne stehen die Kinder und singen. Richtung Linse. Und Blitz(LICHTGEWITTER).

Blitzlichtgewitter
Gestern Abend, nach der Weihnachtsfeier meiner Tochter, wollten dazu noch ein paar Worte aus meinem Kopf raus. BLITZLICHTGEWITTER

Kürzlich machte ein Pfarrer einen tollen Vorschlag. Er bat alle Eltern darum, die Kameras während der Veranstaltung in der Tasche zu lassen. Im Anschluss würde sich die Kindergruppe aufstellen um Fotos machen zu können.

Ich habe mir fest vorgenommen, in Zukunft weniger Fotos zu machen. Deutlich weniger. Auch auf die Gefahr hin, dass ich nicht so viele „schöne“ Bilder knipse. Unperfekte Bilder, gepaart mit wiederbelebbaren erlebten Gefühlen, beim Betrachten der Bilder, lässt sie unvergleichlich werden.

Gestern, auf der Weihnachtsfeier meiner Tochter, hat es schon gut geklappt. Ich gebe mir Mühe.

Ich wünsche euch ein wundervolles, vielleicht auch etwas knipsärmeres Weihnachtsfest!

Nina

 

 


4 Gedanken zu “Fotojunkie auf Entzug

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Mir geht es eigentlich ganz ähnlich, aber weniger Fotos zu machen, fällt mir noch nicht so leicht… Und jetzt habe ich auch noch eine richtig gute Kamera geschenkt bekommen… Mal sehen, wie die sich auf mein Fotografierverhalten und meine Bilder auswirkt.

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  2. Hallo Nina,

    ein sehr schönes Gedicht, tiefgründig und bewegend – genauso wie man es sich zu einer solchen besinnlichen Zeit wie jetzt wünscht. Ich fotografiere für mein Leben gerne, nicht umsonst habe ich diese Leidenschaft zu meinen Beruf gemacht. Mit meinen Bilder versuche ich auch gewisse Momente einzufrieren, sie für die Ewigkeit fest zu halten. Aber ich bin einer Meinung mit dir: Man muss nicht jeden Moment ablichten, manchmal ist es viel besser, einfach nur zu beobachten und zu genießen. Im Herzen sind schließlich alle Bilder des Lebens abgespeichert, nicht jeder besondere Moment muss fassbar und akribisch abgelichtet und sortiert sein.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Claudia, ich freue mich sehr, dass du mir schreibst. Es ist immer wieder schön zu hören, dass Menschen meine Texte lesen und sie mögen. Danke für dein Kompliment!
      Weißt du, mit der Fotografie habe ich auch mal geliebäugelt. Hätte mein Leben andere Wege genommen, wären wir vielleicht sogar Kolleginnen geworden 😉
      Aber im Alltag ist die „Knipserei von Ahnungslosen“, wie mir, zum Teil wirklich zu einer Plage geworden. Da sollte man lieber hier und da mal einen Fotografen engagieren, der eine Veranstaltung begleitet. Unterm Strich hätten alle mehr davon.

      Hab ein schönes, ruhiges, zauberhaftes Weihnachtsfest!
      Nina

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