Vom Weihnachtszauber, der fürchterliche Minderwertigkeitskomplexe hat

In den letzten Jahren, habe ich den Weihnachtszauber vermisst. Im Grunde vermisse ich ihn, seit ich erwachsen bin. Eigentlich konnte ich ganz gut ohne ihn leben. Nur seit ich Kinder habe, fehlt er mir in unserem Haus schon sehr.

Am letzten Weihnachtsfest hatte ich das Gefühl, dass er sich ein ganz klein wenig gezeigt. Einmal seine kalte, rote Nase zur Tür reingesteckt hat, aber dann ganz schnell wieder verschwunden ist.

Nun wollte ich ihn aber doch ganz haben. Wollte nicht nur einen kleinen Anblick von ihm erhaschen können. Er sollte sich, wie der feine Staubfilm auf unserem Schrank, über uns legen. Wie früher eben.

Aber warum zeigte er sich nur so kurz? Verdammt!? Ich habe mir doch so viel Mühe gegeben. Habe mir Zeit genommen. Keine stressigen Stadtzentren und Weihnachtsmärkte besucht, sondern vielmehr die kleinen, urigen Märktlein mit vielen selbstgemachten Werken fantasievoller Menschen.

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Ich habe viele Geschenke selbst gemacht, mir Zeit zum Backen mit meinen Kindern genommen. Zum Lesen von wunderbaren Weihnachtsgeschichten, zum Basteln.

Aber irgendwie… Ich weiß auch nicht. Irgendwas fehlte mir noch um aus vollem Herzen sagen zu können. JA!, er hat uns besucht, der Weihnachtszauber. So begann ich also, mich auf die Suche zu machen.

Und heute darf ich euch verkünden: Ich habe ihn gefunden. Es war im Hochsommer. Trotzig und voller Minderwertigkeitskomplexe saß er auf einer Parkbank unter einem großen, alten Baum. Neben ihm stand eine siffige Flasche Wodka. Im Grunde gab er das Bild eines verzweifelten Obdachlosen ab.

Ich brauchte ihn gar nicht erst ansprechen. Er sah mich, und ein scheinbar längst überfälliger Wortwasserfall entsprang seinem Mund. Ich rückte etwas von ihm ab. Denn sein Mundgeruch verursachte Übelkeit in mir.

WEIHNACHTSZAUBER: „Siehste. Du willst gar nicht in meiner Nähe sein. Dann erwarte doch nicht, dass ich dich zur Weihnachtszeit besonders lang besuchen komme.“

ICH: „Ähm. Moment. Ich kann doch nichts dafür, dass du wie ein alter Fisch stinkst. Wie wäre es, wenn du dich etwas besser pflegst. Dann kann ich vielleicht auch ohne Ekel neben dir sitzen.“

WEIHNACHTSZAUBER: „Wie bitte. ICH soll MICH pflegen. Ich meine Liebe, bin ein Gefühl von DIR. DU musst mich pflegen. DU bist Schuld, dass ich so aussehe und so rieche.“

Ich gebe zu, ich war leicht verwirrt und nahm an, dass er eine Flasche Wodka zu viel intus hatte.

WEIHNACHTSZAUBER: „Weiss‘ du“, lallte er, „du suchst mich immer irgendwo. Im Kaufhaus in dem die laute Weihnachtsmusik dröhnt, unter den geschenkreichen Tannenbäumen oder auf den überfüllten Weihnachtsmärkten, auf denen nichts anderes verkauft wird, als das ganze Jahr über im Supermarkt auch. Dabei musst du mich IN DIR suchen. Ich bin in dir. Zu jeder Zeit. Das ganze Jahr. Du Depp hast das nur vergessen. Du nährst mich nicht mehr. Pflegst mich nicht mehr. Du machst mich das Jahr über so verdammt klein, dass ich zur Weihnachtszeit nicht mehr voller Selbstbewusstsein auf deine Gefühlsbühne treten kann, auf der ich einmal im Jahr ganz groß glänzen durfte. Ich fühle mich mittlerweile viel zu lächerlich, als das ich meinen pompösen Auftritt genießen könnte. Schau‘ mich doch an. “

ICH: „Moment, moment“, antwortete ich ihm trotzig. „Jetzt will ich dir mal eines sagen: In der letzten Vorweihnachtszeit, habe ich mich weder auf überfüllten Weihnachtsmärkten rumgetrieben und mich mit viel zu süßem Glühwein und viel zu fettigem Backfisch betäubt. Noch habe ich mir besonderen Stress gemacht. Ich habe die Vorweihnachtszeit in vollen Zügen mit meinen Liebsten genossen. Daran kann es also nicht gelegen haben. Jetzt lass uns beide mal etwas runterkommen und vernünftig miteinander sprechen.

Was meinst du überhaupt mit ‚Du nährst mich nicht mehr. Pflegst mich nicht mehr. Du machst mich das Jahr über so verdammt klein!‘? Kannst du da bitte mal etwas genauer werden?“

WEIHNACHTSZAUBER: „Nun“, sagte er genervt. Er klang als hätte er das Gespräch schon tausende von Malen führen müssen und nun einfach zu müde ist, seine abgenutzten Worte zu wiederholen. „Du hast Recht. Ihr habt euch viel Mühe gegeben. Ihr habt schon ein gutes Gefühl dafür, was es braucht, dass ich in euch zum Leben erwache. Aber einen Kardinalfehler habt ihr begangen. Ihr glaubt, dass ihr euch nur zur Weihnachtszeit um mich kümmern müsst. So ist das nicht. Ich, der Weihnachtszauber, lebe von den Herzenswünschen. Wenn ein Mensch keine echten Wünsche hat, so kann ich nicht meine volle Größe entwickeln. Das ist der Grund, warum ihr Erwachsenen, mich weniger spürt, als Kinder es tun. Ihr könnt euch alles kaufen. Das ganz Jahr über. Bei den Kindern sah das eigentlich anders auch. Früher. Jetzt nicht mehr. Ihr vermasselt das, in dem ihr euren Kinder das ganze Jahr über Geschenke macht. In Massen. Deshalb müsst ihr heutzutage eure Kinder kurz vor Weihnachten vor Kataloge setzen, aus denen sie sich etwas aussuchen können. So das deren Wunschzettel zum Bestellzettel mutiert. Aus sich heraus, aus ihrem Herzen heraus, haben eure Kinder doch gar keine Wünsche mehr. Wünsche, die sich entwickeln können. Die wachsen und größer werden können. Ihr, die ihr glaubt euren Kindern jeden Wunsch sofort erfüllen zu müssen, das ganze Jahr über, nehmt ihnen damit etwas ganz Wichtiges. Das Gefühl, für den Weihnachtszauber. Hast du eure Kinder letztes Jahr unter dem Weihnachtsbaum beobachtet? Ich habe es. Sie konnten sich zunächst gar nicht entscheiden, welches von den 10 Geschenken zuerst ausgepackt werden sollte. Nach dem Auspacken wurde das Geschenk, mit viel Glück, kurz betrachtet, während die Fingerchen schon zum nächsten Geschenk eilten. 5 Minuten später, als alles ausgepackt war, saßen eure Kinder vor einem riesigen Haufen Geschenkpapier und Pappe. Sie konnten sich nicht entscheiden, was sie nun tun sollten. Alles war zuviel.“

Ich fühlte mich von seinen Worten geohrfeigt.

ICH: „Stop. Ich weiß schon was du meinst. Lass bitte gut sein, ja? Ich habe dich verstanden. Ich freue mich auf nächstes Jahr. Wenn wir beiden uns wieder fühlen werden. Danke, mein Lieber. Das du dir Zeit genommen hast um mir die Augen zu öffnen!“

Ich ging. Nachdenklich und mit hängenden Schultern. Er schob seine Wodka Flasche beiseite und sah zufrieden aus.

Habt eine wundervolle Weihnachtszeit, ihr lieben Leser!

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14 Gedanken zu “Vom Weihnachtszauber, der fürchterliche Minderwertigkeitskomplexe hat

  1. Hallo,
    vielen Dank für diesen tollen Text. Ich liebe es den Kindern Fantasiegeschichten und dieses ganze Weihnachtswunder zu erzählrn, immer uns immer wieder. Das Leuchten in deren Augen erinnert mich dann an meinen eigenen Weihnachtszauber vor vielen Jahren.
    Ich selbst vermisse es bei mir auch ein wenig, aber wahrscheinlich ist das so, wenn dann nicht mehr der Weihnachtsmann alles macht, sondern man selbst als Mama.

    Liebe Grüße und ein schönes Fest
    Heike

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  2. Weißt du ich sitze hier und dachte mir beim lesen, das ist also das Gefühl, das ich jahrelang hatte und immer wieder bei anderen beobachtet habe. So spricht sich das also aus – das Gefühl. Ich glaube ich werde mir diese Geschichte, wenn ich darf, ausdrucken und jedes Jahr werde ich sie raus holen und mir vorlesen, wenn mein Sohn älter ist, werde ich sie mit ihm gemeinsam lesen und an dich denken und daran denken wie jemand – für uns, den Weihnachtszauber zurück erobert hat.

    Danke Nina von ganzem Herzen!

    Gefällt 1 Person

  3. Oh ja, das Thema Geschenke zu jeder Gelegenheit und in Massen ist wirklich schwierig. Ich persönlich finde es furchtbar, aber kann dem kaum Einhalt gebieten. Ich habe früher zu Weihnachten von meinen Eltern Geschenke bekommen, vielleicht von der Oma einen gestrickten Pullover. Denn meine Großeltern hatten uns im Vorfeld Winterschuhe gekauft und manchmal auch Mäntel. Tante, Patentante, Onkel etc. haben nichts geschenkt!

    Beim Adventskalender habe ich es so gelöst, dass ich einen genäht habe, der von allen gemeinsam gefüllt wird. Zu Geburtstag und Weihnachten sage ich gerne, was wir für unsere Tochter brauchen können (Klamotten oder so) und versuche, dass sich alle an einem großen Geschenk beteiligen. Klappt aber einfach nicht.
    Stattdessen bekommt sie Sachen, die ich auf gar keinen Fall wollte… Grmpf. Sehr schwer. Und es geht allen Familien so, die ich kenne. Außer denen, die sich ohnehin dem vollen Konsumrausch hingeben.

    Trotzdem denke ich, dass wir den Weihnachtszauber noch erhalten konnten. Ich LIEBE Weihnachten und strahle das auch aus, glaube ich. Wir singen, backen, zünden Kerzen an und vorfreuen uns.

    Und dank Deinem Denkanstoß werde ich diesmal proaktiv eine Rundmail an alle potentiellen Schenker schreiben. Mit dem Link zu diesem Text!

    Liebe Grüße
    Julia

    Gefällt 1 Person

    1. Meine liebe Julia, ich….ähm…nun… es macht mich ein wenig verlegen, dass du meinen Text gerne weiterleiten würdest. Stell‘ dir jetzt einfach vor, wie ich sehr dankbar, mit roten Wangen vor dir stehe. Es freut mich sehr, dass dir meine Zeilen gefallen.
      Eure Idee, den Adevntkalender gemeinsam zu befüllen finde ich großartig. Denn bei uns ist es (leider) noch so, dass auch Omma und Oppa (sacht‘ man hier im Pott halt so 😉 ) einen Kalender für die Kurzen haben. Da kommt natürlich dann am Ende des Tages einiges an Nippes zusammen…
      Aber immerhin haben wir für den Heiligen Abend eine Variante gefunden, mit der wir als Eltern (und auch die Kinder!) sehr glücklich sind – jedes Familienmitglied gibt uns etwas Geld, mit dem wir die Weihnachtsgeschenke kaufen. Pro Kind besorgen wir etwa 2-3 Geschenke. Meißt bleibt dann noch etwas Geld übrig, welches dann in die Spardosen wandert. So haben sie später auch noch etwas davon.

      Schön, dass ihr eine Weihnachtszeit habt, die ihr voll und ganz geniessen könnt! So geht es uns auch, und genauso wie ihr SPÜREN wir den Weihnachtszauber. Sogar als Erwachsene 😉

      Liebe Grüße aus Herten
      Nina

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