Über Gurus, Kinder und Entfaltung

Stell dir vor, du bist einer Gruppe beigetreten. Einer Gruppe voller netter Menschen, die gemeinsam wachsen möchten. Gemeinsam lernen und sich neu erleben wollen. Ihr habt einen Gruppenleiter. Einen Guru, wenn man so will. Einen inspirierenden Menschen, den ihr ziemlich bewundernswert findet.

Dieser Guru stellt euch Aufgaben, an denen ihr wachsen sollt. Die euch an die Grenzen eurer Angst bringen und euch ermuntern sollen, diese zu überschreiten. Die Treffen sind schon ein wenig aufregend. Prasseln doch immer wieder so viele neue Dinge auf dich ein.

Heute trefft ihr euch, um handwerklich tätig zu werden. Ihr sollt Skulpturen aus Gips formen. Nun. Das gefällt dir erstmal so gar nicht. Du hast das noch nie gemacht. Hast noch nie mit Gips gearbeitet. Außerdem magst du kreativen Herausforderungen grundsätzlich nicht gern. Hältst dich in diesem Bereich für wenig talentiert.

Du arbeitest lieber mit rein mentalen Aufgaben. Mit Rätseln oder philosophischen Grundsatzfragen.

Aber da es in eurer Gruppe ja um Grenzüberschreitungen geht, arbeitest du natürlich mit. Vielleicht entdeckst du eine neue Seite an dir. Eine neue Leidenschaft oder Fähigkeit. Das wär doch was. Mit dieser Haltung gehst du also an die Aufgabe heran.

Seit Stunden sitzt du nun vor deinem Werk. Deine Hände sind weiß vom Gips, und aufgeweicht von der Feuchtigkeit. Die ganze Zeit über, bist du vertieft in deine Arbeit, die dir deine volle Konzentration abverlangt hat. Die kleinen Denkfältchen auf deiner Stirn sind durch deine stundenlange Konzentration deutlich gezeichnet. Weder schaust du während der Arbeit die Skulpturen deiner Bekannten an, noch die deines Gurus. Stattdessen spürst du den Gips in deinen Händen. Bewusst. Nimmst aufmerksam wahr, dass deine Begeisterung langsam aber sicher wächst. Du erschaffst gerade etwas Neues. Etwas das es noch nicht gab. Immer wieder nimmst du erneut Wasser, um den Gips noch sanfter, beweglicher, formbarer zu machen. Fast kommt es dir so vor, als würdest du zwischenzeitlich mit deiner Skulptur eins. Es ist ein intensives Erlebnis, dass dich stolz macht.

Zufrieden mit deinem Werk, kommst du mit deiner Aufmerksamkeit in den Raum zurück. Zum ersten Mal siehst du die Arbeitsergebnisse deiner Bekannten und das deines Gurus. Anders sehen sie aus. Deutlich detaillierter. Mit filigraneren Formen.

Jeder überreicht sein Werk euerm Guru. Vor der Gruppe, werden die Ergebnisse gesprochen.

Dir fällt auf, dass euer Guru scheinbar die Werke besonders mag, die seinem recht ähnlich sind. Warum, das so ist. Ist dir nicht ganz klar.

Nun kommt deine Arbeit an die Reihe. Dein Herz beginnt zu klopfen. Denn die Meinung deines Gurus ist dir wichtig. Sein Blick nimmt kritische Züge an. Nach geraumer Zeit sagt er, dass du dir mehr Mühe hättest geben können. Fragt, warum du so unliebsam gearbeitet hast. Warum du die Formen nicht sorgfältiger herausgearbeitet hast? Und warum du nicht besser die Proportionen bedacht hast. Dazu hättest du mehr Wasser nutzen können um die Formen zu glätten. Zum Vergleich hält er seine Skulptur daneben. Dann nimmt er eine Feile und beginnt deine Skulptur nach zu arbeiten. Nach 10min. sieht sie tatsächlich ganz anders aus. Präziser. Gekonnter.

In dir sackt irgendetwas in sich zusammen. Hattest du soeben nicht noch Stolz verspürt?

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Grafik aus dem FlowMagazin Ausgabe Dezember 2014.

 

Was passiert in unseren Kindern, wenn wir ihnen genau vorgeben, wie ein Bastelwerk auszusehen hat. Wenn wir ihre Arbeiten nachbessern. Ihre Fingerchen führen, um zu einem Ergebnis zu kommen, dass nur in UNSEREM Kopf existiert. Wenn wir ihre Arbeiten mit den Arbeiten anderer vergleichen?

Habt ihr ebenfalls das Gefühl, dass das leider oft genau das ist, was in Kindergärten und noch vielmehr in Schulen passiert?

Habt eine gute Nacht, ihr lieben Christkinder, Weihnachtsmänner, Nikoläuse, Osterhasen und Zahnfeen eurer Kinder.


2 Gedanken zu “Über Gurus, Kinder und Entfaltung

  1. Liebe Nina,
    hast Du Vorgestern bei uns in der Schule Mäuschen gespielt?*schonverrückt*
    Wir hatten Adventsabasteln und Du weißt, ich bin nicht wirklich ein sehr geduldiger Mensch. Mika hatte gerade Sterne ausgeschnitten. Sein Kumpel auch. Dieser präsentierte sie voller Stolz seiner Mama. Und sie? Nahm eine Schere und schnitt sie „richtig“. Der Junge guckte soooo traurig, dass es mir das Herz brach. Doch sie bemerkte es nicht.

    Wie oft habe ich genauso gehandelt? OmG…. Ein Spiegel zeigt uns die eigenen Fehler am besten…. Mika hat noch einige „schiefe“ Sterne, Glocken und Stiefel ausgeschnitten und auf sein äußerst bunte Windlicht sehr „frei“ aufgeklebt.

    Was soll ich sagen, es war und ist das Schönste von allen; ein Original eben.

    LG

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kathi, Mäuschen habe ich bei euch nicht gespielt. Aber rate, wo ich heute Morgen war 😉
      Leider waren es bei uns nicht nur Eltern die so gehandelt haben. Sondern auch „die Gurus“.
      Es hat mir das Herz gebrochen. Echt. Ohne zu übertreiben!
      Liebste Grüsse!

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