I’ll show you mine, if you show me yours

An diesem Tag entschied ich also, mir nach Dienstschluss diesen Patienten zu schnappen, ihn in den Rollstuhl zu setzen um gemeinsam mit ihm die Sonne auf dem begrünten Krankenhausgelände zu genießen. Wir hörten die Vögel zwitschern, spürten die Wärme der Sonne auf unserer Haut und konnten einer Horde Kindergartenkinder bei ihrem Ausflug zuschauen. Friedlich war es.

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Er schwärmte von seiner Enkeltochter, die sich so rührend um ihn kümmerte. Die ihm zuhause bei den Einkäufen half, beim Anziehen, beim Waschen. Und das alles neben ihrem Beruf, welcher sie ebenso stark einspannte. Er erzählte, dass er früher, als die Enkeltochter noch ein Kleinkind war, auf sie aufgepasst hatte und was für ein fröhliches Kind sie war. Bis heute hat er viele selbstgemalte Bilder seiner Enkeltochter in der Küche hängen.

Man konnte tatsächlich geneigt sein zu meinen, dass dieser Herr und seine Enkeltochter sich sehr schätzten.

Ich fragte ihn, ob er das alles jemals seiner Enkeltochter gesagt hatte. Und er schaute mich mit großen Augen an. Und sagte nichts. Immer noch nichts. Ich griff schon zur Brechschale (die wir dabei hatten, da er unter andauernder Übelkeit litt), weil ich dachte, er müsste sich gleich übergeben. Aber nein, er dachte nur nach. Und sagte nach gefühlten 5 min: „Nein.“


*Kleiner Zeitsprung* Was sich über einige Tage vorher abspielte:

Die Enkeltochter kam hin und wieder. Eine Frau in meinem Alter. Die Besuche bei ihrem Opa waren sehr kurz und sachlich. 10 Minuten, dann war alles Wichtige geklärt und die Enkeltochter verschwand wieder. Nur noch ein Blick in den Kleiderschrank ob Opa noch genug frische Sachen zum anziehen hat. Immerhin. Keine Umarmung. Kein persönliches Wort. Die Enkeltochter stellte kurze, mürrische Fragen. Der Herr, unser Patient, gab kurze, mürrische Antworten.

Man hätte meinen können, die beiden mögen sich nicht besonders.

Jeden Morgen half ich diesem Mann beim Waschen und Anziehen und konnte verfolgen, wie er von Tag zu Tag müder und trauriger wurde. Er konnte nachts schlecht schlafen. Wie das im Krankenhaus eben so ist. In einem 3 Bett Zimmer. Mit einem Zimmernachbarn der in der Nacht dauernd nach dem Pflegepersonal rief.

Er entwickelte Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel. Er fühlte sich wie in einer anderen Welt. Einer in der sich alles drehte. Einer, in der der Kopf dauernd dröhnte. Als würde ihm jemand mit dem Hammer auf den Kopf schlagen. Deshalb wagte er morgens kaum die Augen zu öffnen. Dies würde nur die Übelkeit wieder wecken. Diese Situation war neu für ihn. Er vermutete, dass es an dem Medikamentencocktail lag, den er seit vielen Jahren jeden Morgen einnahm. Aber in der Visite traute er sich nichts zu sagen. Die Ärzte waren doch immer so beschäftigt. Und richtig verstehen konnte er die eh‘ nicht. Glaubte er. Seine Hörgeräte waren doch auch nicht mehr die Besten.

Eines Morgens weinte er mal wieder. Bitterlich. Wisst ihr, wenn sich vor euch, ein nackter, alter Mann auf das Waschbecken lehnt und weint… Was soll ich sagen – es gibt wenige Situationen in denen ein Mensch in eurer Nähe so verwundbar ist.

Er war seit mehr als 2 Wochen nicht an der frischen Luft. Sah nur sein Krankenhauszimmer. Und ihm ging es immer schlechter. So entschied ich also, mir nach Feierabend etwas Zeit für ihn zu nehmen…

Und die Moral von der Geschicht?

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Sprecht mit euern Liebsten. Achtsamer. Sagt ihnen, wie sehr sie euch am Herzen liegen. Wie sehr ihr sie schätzt. Wie wichtig sie für euch sind. Und springt, verdammt nochmal, hin und wieder über euern Schatten, und vergebt. Sprecht Probleme an. Diskutiert sie. Am Ende des Tages sind es meist genau diese Menschen, die euer Leben ausmachen werden.

Vielleicht habe ich diese Situation so erlebt, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht in abgewandelter Form. Vielleicht habe ich sie mir einfach ausgedacht. Ich weiss es einfach nicht mehr so genau. Aber seid sicher, dass sich in diesem Text niemals jemand persönlich wiederfinden kann.


2 Gedanken zu “I’ll show you mine, if you show me yours

  1. Ein sehr nachdenklich machender Text, liebe Nina. Aber zu Recht!

    Ich liebe die Arbeit mit Menschen, weil man dabei nicht nur geben kann, sondern auch so viel für sich selbst mitnehmen kann.

    Und auch wenn mich diese Situationen innerlich immer ganz traurig und befangen machen (Abgrenzung heißt dieses verfluchte Zauberwort), finde ich es oft interessant aus den Geschichten der Anderen einen Auszug lesen zu dürfen und ihre Erlebnisse für mich zu interpretieren.

    (Ich hoffe du bist nicht genauso bekloppt wie ich und machst dauernd unbezahlte Überstunden, der Gutmütigkeit wegen)

    Viele liebe Grüße,

    Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sarah,
      Abgrenzung – wie genau definiert man das? 😄😉

      Ich denke, ich bin in etwa so bekloppt wie du! ABER: zum Glück habe ich hier meine Familie und meine Mädels, die mich immer wieder ruck-zuck ins Angenendt’sche Familienleben finden lassen und mich vor Überstunden bewahren. 😉

      Liebste Grüße auf’s Land ❤️
      Nina

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