Gefühlsdating – warum meine Trauer mich so glücklich macht

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Foto: Katja Hoppe

Ich liege weinend im Bett. Lasse mich von den Worten die ich gerade lese tragen und immer wieder durchschütteln. Ich spüre den Schmerz im Hals. Spüre wie es sich anfühlt, wenn der Hals sich vor lauter Fassungslosigkeit zuzieht und droht, mir die Luft zum Atmen zu nehmen.

Ich hole ein neues Taschentuch. Immer wieder höre ich auf zu lesen und fühle. Lese weiter. Fühle. Lese. Fühle. Schnäuze mir die Nase. Lese. Fühle. Ich lese „Vier minus drei“ von Barbara Pachl-Eberhard. Was für eine Frau. Was für ein Buch.

Letzten Samstag durfte ich Barbara kennenlernen und an einem ihrer Schreibworkshops teilnehmen. Grundsätzlich einmal ging es vorrangig ums Schreiben. Da der Workshop durch das wunderbare Lavia Institut zur Familientrauerbegleitung organisiert wurde und Barbaras Geschichte ebenfalls nachhaltig durch den Tod ihrer Kinder und ihres Mannes geprägt ist, war das Thema Tod und Trauer in unserer Gruppe natürlich allgegenwertig. Und wisst ihr was. Genau diese Tatsache, die Anwesenheit der Trauer, hat diese Menschengruppe so wunderbar gemacht. So stark. So schwach. So glücklich. So traurig. So menschlich. Die Energie im Raum ist nicht in Worte zu fassen. Die Energie war aber in den Worten, die wir zu Papier brachten spürbar.

Schon lange lade ich hin und wieder meine Traurigkeit zu mir ein. Manchmal durch Bücher, manchmal durch das tiefe, bewusste hineinfühlen in Situationen die schwer für mich zu ertragen waren oder sein könnten.

Selbstverständlich kommt sie mich manchmal im Alltag auch unangemeldet besuchen. Bisher blieb sie nie sonderlich lang oder kam mit einer solchen Wucht, dass sie mir den Boden unter den Füßen weg zog. Dafür bin ich natürlich unendlich dankbar.

Weil ich sie vorher schon so oft zu mir eingeladen habe, kennen wir uns gut. Wir trinken einen Kaffee und weinen miteinander. Und dann geht sie auch irgendwann wieder von allein. Ich habe keine Angst vor ihr. Sicherlich ist es nicht immer schön, wenn sie da ist. Manchmal wünschte ich, sie würde gehen. Und doch bleibt sie. Solange ich sie brauche. Solange ICH sie BRAUCHE.

Ich habe es mal probiert aber – gewähre ich meiner Trauer keinen Eintritt, schleicht sie um mein Haus. Schaut durchs Fenster. Bedrohlich klopft sie immer wieder an meiner Tür. Ich kann die Türen Tage lang geschlossen lassen. Aber das bringt nichts. Sie wird nicht gehen. Auch wenn ich sie nicht immer durch die Scheibe entdecken kann. So bleibt sie doch da. Bis ich sie zu Wort kommen lasse.

Öffne ich ihr dann doch die Tür ist sie gar nicht mehr bedrohlich. Manchmal nimmt sie mich in den Arm und legt mir einen warmen Mantel über meine Schultern. Dann weinen wir gemeinsam. Meine Trauer und ich. Und danach geht es mir besser. Sie macht mich stärker. Zuversichtlicher und lebendiger.

Wisst ihr. Ich bin ein glücklicher Mensch. Ein sehr glücklicher Mensch. Manchmal habe ich das Gefühl, mit einer rosaroten Hippie-Herzchen-Brille durch die Welt zu wandeln. Think pink – ja, so oder so ähnlich könnte man mein Denken beschreiben. Meistens.

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Foto: Katja Hoppe

Aber das kann ich nur, weil ich regelmäßig meine Gefühlstäler durchwandere. Immer und immer wieder. Weil ich meine „negativen“ Gefühle wahrnehme, akzeptiere und willkommen heiße, kann ich erst meine „positiven“ Gefühle wirklich wahrnehmen und wertschätzen.

Und nur deshalb, weiß ich im Herzen, was es bedeutet achtsam zu leben. Ich lese A C H T S A M nicht als Wort, nicht als Aneinanderreihung von Buchstaben. Sondern ich fühle die Bedeutung des Wortes. Das macht den Unterschied für mich.

Zu sein. Zu schätzen was ist. Hier und jetzt. Wissen was wichtig ist.

Und deshalb werde ich mich immer mal wieder treffen. Mit Ärger, Trauer und Angst Angenendt. Weil ich sie brauche um ganz zu sein.

Geht es euch manchmal ähnlich? Kennt ihr eigentlich die Geschichte vom „Schloss der Gefühle“ von Daniel Wilk?

Bis ganz bald!


8 Gedanken zu “Gefühlsdating – warum meine Trauer mich so glücklich macht

  1. „Vier minus drei“……ein Buch vor dem mir Angst und Bange ist….ich habe damals ein sehr tolles Interview mit dieser starken Frau gesehen und habe einfach nicht verstanden, wie sie beim Erzählen dieser grausamen Geschichte lächeln konnte, während bei mir die Tränen sturzbachartig liefen und ich einfach nicht verstanden habe, wie man nach solch einem Schicksalsschlag weiterleben kann. Irgendwann habe ich dann ähnlich wie Du beschrieben hast gedacht. Sie hat die Trauer zugelassen und sie überwunden. Ich kann nicht im Geringsten nachempfinden, durch welche Hölle sie gegangen ist. Aber alleine der Gedanke an „so etwas“ ist unerträglich. Ich glaube, ich würde einfach eins mit der Trauer werden und sie nie wieder gehen lassen…..
    Danke für Deinen Mut, Dein Gefühlsleben mit uns zu teilen. Das zeigt, dass man nicht alleine ist mit seinen Gedanken und der Tasse Kaffee zusammen mit Trauer und dem Cocktail in glücklichen Stunden 😉

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    1. Kathi, das Buch ist großartig! Du musst es unbedingt lesen. Es macht soviel Mut. Es gibt soviel Zuversicht, dass wir zu viel mehr in der Lage sind, als wir glauben. Und selbst wenn uns Dinge zustossen, die in die Kategorie „das ist das Schlimmste was einem passieren kann“ fallen, gibt es Wege damit umzugehen. Keiner sagt, dass das einfach ist. Aber Menschen zu treffen, die für sich das Beste aus der Situation gemacht habe und zu einem neuen Leben finden konnten ist von unermesslichem Wert. Es gibt so tolle Trauergruppen, wo sich Menschen unterstützen und halten – gemeinsam weinen und lachen. Einfach nur – WOW.
      Das Buch von Barbara ist ein wirklicher Hoffnungsspender!
      Danke für deine Worte! Liebste Grüße an euch 3!

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  2. Wirklich schön geschrieben und war, auch wenn es natürlich Zeiten gibt, wo auch eine Trauer mit der man sich angefreundet hat, einfach nicht gehen will und irgendwann zum Feind wird, den man nicht einfach rauswerfen kann, aber mit dem es schwer ist, sich wieder zu versöhnen …

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    1. Das ist natürlich richtig, Sebastian. Das wollte ich mit meinem Text auch nicht beschönigen.
      Mir ging es viel mehr darum, dass wir im Alltag weniger zwischen „guten“ und „schlechten“ Gefühlen unterscheiden sollten.
      Sehr starke Gefühle, in welche Richtung auch immer, können natürlich schwer belastend sein. Dennoch hilft es uns sicher, wenn wir uns in den richtigen Momenten vor Augen führen, das jedes Gefühl eine Daseinsberechtigung hat und uns helfen kann. Irgendwann. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
      Danke, für deine Worte und die Zeit die du mir damit geschenkt hast!
      Viele Grüße, Nina

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