Brief an meine Tochter

Den folgenden Brief habe ich vor einigen Jahren an meine erste Tochter geschrieben. Warum ich dies tat, lest ihr weiter unten. Da ich so viele positive Rückmeldungen dazu erhalten habe und mir einige Leserinnen sagten, dass er ihnen half ihre Situation besser zu verstehen, möchte ich ihn hier auch veröffentlichen.


Mein liebes Kind,

deine Geburt hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Hat mich auf den Kopf gestellt. Ich denke, es ist an der Zeit mich bei dir zu bedanken – und zu entschuldigen.

Als du dich angekündigt hattest, waren wir voller Vorfreude. Voller Glück. Wir wussten, wir waren gesegnet mit dem wohl größten Geschenk auf dieser Erde. Ein Kind!

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Ich war mir sicher, dich mit aller Gelassenheit wachsen und ankommen lassen zu können. Ich wusste doch alles über Schwangerschaft und Geburt. Ich hatte doch unzählige Bücher gelesen. (Und genau das, hat mir im Endeffekt die ganze Gelassenheit genommen. Ich konnte nicht zulassen, das Schwangerschaft und Geburt etwas waren, das man nicht beschreiben und kontrollieren konnte. Stattdessen nur fühlen konnte.) Die Schwangerschaft mit dir, wurde zu einem ganz neuen Erlebnis für mich. Etwas, auf das ich keinen Einfluss hatte. Geschehen lassen musste. Und das ängstigte mich oft. Ich bin mir im Nachhinein sicher, das du das gespürt hast.

Deine Geburt war alles andere als leicht. Für dich und für mich. Die Geburt begann gut. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir ins Krankenhaus fuhren. Die Wehen blieben. Aber ohne ihren Dienst zu tun, so wie sie es zuhause noch getan hatten. Viele, viele Stunden voller Schmerzen und voller sinnfreier Untersuchungen. Voller Gedanken. Und das obwohl es  keinen ersichtlichen Grund gab. Wir waren beide bei voller Gesundheit.

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Warum? Fragte ich mich damals. Warum geht es nicht weiter? (Die Antwort darauf habe ich lange gesucht und erst während vieler Gespräche mit unserer Hebamme und der Schwangerschaft mit deiner Schwester erhalten. Eine Geburt hat vorrangig nichts mit Denken zu tun. Wie soll man auf Autopilot schalten, wenn man denkt? Wenn 10 unbekannte Menschen um einen herum laufen. Man im Krankenhaus zum Patient wird. Ein Patient der nicht krank ist.) Eine Odyssee an Geburtsinterventionen begann (oft ganz klassisch, wie mir im Nachhinein bewusst wurde):

  • schmerzhafte Wehen, die aufgrund des nicht loslassen können in unbekannter Umgebung, ihren Zweck nicht erfüllten
  • dann die PDA, weil ich am Ende meiner Kräfte war
  • dann Wehen fördernde Mittel (da diese durch die PDA gestört wurden
  • währenddessen Todesängste – echte Todesängste.

Zwar legte man dich nach der Geburt auf meine Brust, aber zu diesem Zeitpunkt war ich noch viel zu geschockt. Fertig. Konnte gar nichts wirklich wahrnehmen geschweige denn fühlen.

Kurz danach begannen all die in Krankenhäusern (oft) klassischen Untersuchungen an dir (über die U1 hinaus). Es war so schrecklich für mich zu hören wie du schriest, und ich dich nicht begleiten konnte, da ich durch die PDA nicht laufen konnte… du schriest und schriest…. und ich lag da… mit gelähmten Beinen…. und gelähmten Herz…

Ich konnte diesen Moment nicht ertragen. Bis heute schmerzt es daran zu denken. In diesem Moment ist etwas in mir gestorben. Die Zuversicht, die Hoffnung und die letzte Leichtigkeit die ich in mir hatte.

Wir kamen auf unser Zimmer. Und so lagen wir. Du im Bettchen neben mir. Aber wer warst du? Du warst mir so fremd. Das machte mir Angst. Liebte ich mein Kind nicht? Warum empfand ich keine Mutterliebe? Ich konnte nicht verstehen, dass wir Zeit brauchten um uns kennenzulernen. Ich stand noch unter Schock.

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Die erste Zeit zuhause war schwer. Den Moment in dem wir unsere Wohnung betraten habe ich bis heute in Erinnerung. Du standest in deinem Babysitz im Flur. Unsere eigene Wohnung kam mir so fremd vor. Wie bekomme ich dich satt? Wird das stillen klappen? Hier habe ich keinen roten Knopf um die Nachtschwester rufen zu können! Ohne Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten als Mutter. Die hatte ich mir spätestens im Krankenhaus nehmen lassen.

Wie oft habe ich gelesen, höre auf dich. Fühle. Und ich dachte, ich weiß was sie meinen. Ich dachte, dass tue ich doch. Ich dachte, ich werde besser darin. Ich dachte, ich dachte, ich dachte… und habe damit mein Herz ausgeschaltet. Meinen Instinkt. Instinkt klingt so animalisch, so … dumm. Und doch bin ich sicher, dass dies genau das richtige, mächtige Wort ist.

Du schriest und schriest und schriest. Du schriest nach mir, nach meinem Herzen. Mir das einzugestehen tut so weh. Der Gedanke treibt mir noch heute Tränen in die Augen.

Alles wirkte so verfahren. Die Welt um uns herum drehte sich weiter. Doch ich hatte das Gefühl ich war nicht mehr Teil dessen. Teil des Lebens da draußen. Ich war zuhause mit einem schreienden Kind, das einfach nicht aufhören konnte. Ich war voller Selbstzweifel und Versagensängsten. Oft hatte ich das Gefühl, wir seien uns sehr fremd. Gleichzeitig fühlte ich aber auch eine nie dagewesen tiefe, ehrlich Liebe. Etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Etwas, was man rational nicht erklären kann. Meine Gefühle überwältigten mich und ich brauchte Zeit diese zu sortieren.

Zum Glück begleitete uns eine wunderbare Hebamme. Die mir half mich zu sortieren und zu verstehen. Die uns ins Leben begleitete. Ein Geschenk für uns.

Ich möchte mich bei dir dafür entschuldigen, dass ich damals noch nicht so weit war, wie bei der Geburt deiner Schwester. Ich habe nur das getan, was ich damals für das Richtige gehalten habe. Ich habe es nicht besser gewusst. Ich dachte, dass wäre der ‚sichere‘ Weg für uns. Ich fühlte mich lange schuldig dir das Urvertrauen genommen zu haben. Urvertrauen mit dem du zur Welt kamst. Ich leider in diesem Moment noch nicht wieder hatte. Bis heute gibt es Momente, in denen man merkt dass dir ein tiefes Vertrauen fehlt. Du brauchst viel Rückhalt, Bestätigung, Sicherheit.

Das viele Schreien hat mich oft ohnmächtig werden lassen. Und im Nachhinein, kann ich dich so gut verstehen. Du musstest schreien um den Stress los zu werden. Das war dein Ventil. Meines waren die Tränen am Abend. Dir damals nicht das gegeben zu haben, was du so sehr brauchtest, schmerzt. Schmerzt so sehr.

Heute kann ich es. Meistens. Aber es wird weiterhin mal mehr mal weniger klappen. Wie das eben für Menschen üblich ist – erst unsere Fehler lassen uns zum Menschen werden. Zu wissen woran ich konstant an mir arbeiten muss, gibt mir ein Gefühl großer Stärke und inneren Zufriedenheit. Heute kann ich endlich sagen – „ich bin eine gute Mutter“. Von Herzen wünsche ich mir, dass du das später auch sagen wirst.

Wir können die Zeit nicht zurück drehen. Aber wir können daraus lernen. Viel daraus lernen. Das Leben begreifen. Und dafür danke ich dir. Du hast mich zu einer guten Mutter (und Frau) gemacht, die auf ihr Herz hören kann und sich frei von den ganzen Erwartungen ihrer Umwelt machen konnte.  Nur deshalb konnten wir deiner Schwester einen ganz anderen Start ins Leben schenken. Zu Hause, in Ruhe und Geborgenheit.

Du bist so ein starkes Mädchen! So wie du bist, bist du vollkommen. Einzigartig. Innerhalb kürzester Zeit hast du mich menschlich mehr gelehrt, als die 26 Jahre bevor du in mein Leben getreten bist. Du hast mir so viel beigebracht. Du erst hast mir gezeigt, dass ich fühlen und zulassen kann.

Ein Kind zu bekommen ist Leben und Instinkt pur. Rational nicht zu verstehen. Nur zu fühlen.

Ich liebe dich, mein Kind. Mehr als je in Worte zu fassen sein wird. Ich wurde durch dich geboren, so wie du durch mich. Deine Mama

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WARUM DIESER TEXT?

Dieser Text hat viel Zeit benötigt. Im Grunde mehr als 4 Jahre. Viele Nerven und Tränen liegen hier drin. Tränen die geweint werden mussten um aus den Erfahrungen zu lernen und daran zu wachsen. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich so intime Dinge öffentlich machen sollte. Ich habe diesen Text nicht für die Öffentlichkeit geschrieben. Zunächst einmal ist er nur für uns. Meine Tochter und mich. Um zu verstehen und reflektieren.

ABER: In der vergangenen Zeit, habe ich oft in verschiedenen Internet  Foren und Blogs die Gedanken anderer, die ähnliches erlebt haben, so sehr geschätzt. Und schätze es immer noch. Die Offenheit vieler anderer hat mich zutiefst berührt. Und hat mich so weit gebracht. Ohne die Geschichten der Unbekannten da draußen, wäre ich heute sicher nicht so stark und selbstbewusst und würde nicht so milde mit mir selber ins Gericht gehen. Das hat aber auch zugleich in mir den Wunsch geweckt irgendwann einmal ähnliches zu tun. Meine/ unsere Geschichte aufzuschreiben und zu teilen. Natürlich könnte ich das auch anonym machen. Aber das fühlt sich nicht richtig an.

Wenn ich nur irgendeinem da draußen beim Gedanken sortieren helfen kann, dann hat sich die Veröffentlichung schon gelohnt. Es erleichtert, Dinge nieder zu schreiben. Damit zu verarbeiten. Mit den Gefühlen leben zu lernen. Gefühle zuzulassen, wahrzunehmen, darüber zu sprechen und daraus zu lernen ist stark – ganz stark.

Euch allen da draußen wünsche ich, dass ihr „das Säugetier“ in euch findet.


DA WÄRE NOCH ETWAS

Ich habe einen einzigartigen Mann an meiner Seite, der für mich, für uns da war! Immer! Voller bedingungsloser Liebe und Verständnis. Dennoch habe ich unsere Geschichte auf meine Tochter und mich begrenzt. Um den roten Faden bestmöglich halten zu können. Um mich nicht in weiteren Abzweigungen zu verrennen.

Aber ohne dich, mein Schatz, hätte unser Weg sicher nicht zu so einem Glück geführt, wie wir es gefunden haben und heute leben dürfen. Ich liebe dich! Bis zum Mond und zurück.

Und natürlich haben wir eine weitere Tochter in unser Leben aufnehmen dürfen. Auf einem ganz anderen Weg. Deutlich weniger steinig und mit viel mehr Vertrauen ins Leben. Aber genauso voller Wunder und Lerneinheiten. Liebes K2ind, auch du bist vollkommen. Und auch deine Geschichte werde ich für dich festhalten. Nicht nur in meinem Herzen. Auch niedergeschrieben.


6 Gedanken zu “Brief an meine Tochter

  1. Ein wunderschöner und berührender Text, Nina! Und sehr gut nachvollziehbar. Das sind Erfahrungen, die die meisten Mütter einmal machen. Schön wäre es, wenn schwangere Frauen das lesen würden, schon vor der Geburt!
    Ich hatte das Glück, beide Kinder zu Hause zu bekommen. Beim ersten war es so nicht geplant, aber mein Sohn war so schnell, dass es sich so ergeben hat – im Nachhinein zum Glück! Wir hatten eine Hebamme bei uns und alles ist sehr gut gegangen.
    Und trotzdem war ich beim ersten Kind oft überfordert und fühlte mich wie eine schlechte Mutter. Beim zweiten nicht mehr – da war alles viel einfacher!
    Heute würde ich allen Schwangeren eine Hausgeburt empfehlen, aber viele haben einfach Angst davor, leider!
    Liebe Grüße,
    Katharina

    Gefällt 1 Person

    1. Absolut! Da denke ich wie du! Jede Frau bräuchte eine erfahrene Hebamme an ihrer Seite, die sie von Anfang an begleitet um mit der Schwangeren gemeinsam heraus zu finden, welcher Weg der richtige für sie st.
      Die vorherrschende Meinung, dass es Mut Bedarf um ein Kind zu Hause zu gebären finde ich erschreckend. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen über unseren Weg zu sprechen und damit mit auf die Situation aufmerksam zu machen. Schön, dass du das auch machst! 🙂
      Viele Grüße, Nina

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